Ausgestopft im Museum – so endete nicht erst «Problembär» Bruno

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München (dpa) – Die einen feierten ihn als «Mahatma Gandhi» der bayerischen Wälder. Die anderen forderten seinen Tod. Braunbär Bruno, eingewandert aus Italien, sorgte weltweit für Schlagzeilen. Weil er zu frech war, endete er ausgestopft im Museum. Kommt jetzt Rudolph?

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Der Braunbär hat bei uns schlechte Karten (Bild: Malene Thyssen, Lizenz: CC)

Wer die tödlichen Schüsse abgefeuert hat, ist auch nach zehn Jahren noch ein Geheimnis. Der Abschuss des Braunbären JJ1 – als «Bruno» bekannt – ließ die Emotionen hochkochen. Beim bayerischen Jagdverband und beim damaligen bayerischen Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) stapelten sich Protestschreiben bis hin zu Morddrohungen. Wütende Bürger zeigten die unbekannten Schützen an.

Wie ein netter Teddy hatte sich Bruno nicht benommen. Der junge Bär aus Italien fraß Schafe, stahl Honig, plünderte Hühnerställe, lief mitten durch Orte – und drohte damit Menschen gefährlich zu werden. Das begründete die Abschussgenehmigung für das geschützte Raubtier.

Seither kam kein Bär mehr. «Alpenflüsse wie der Inn, aber auch dicht besiedelte Gebiete mögen dazu beigetragen haben, dass nach JJ1 bisher kein weiterer Bär nach Bayern vorgedrungen ist», sagt der Präsident des Landesamtes für Umwelt, Claus Kumutat.

In Kärnten tappt gerade «Rudolph» herum. Er ist weniger frech als Bruno und derzeit an die 200 Kilometer von der Grenze entfernt. Wahrscheinlich aus Kroatien oder Slowenien eingewandert, ist er der erste Bär in Österreich seit langem: Die dortige Population, die vor zehn Jahren gut 20 Tiere umfasste, gibt es nicht mehr. «Viele sind spurlos verschwunden. Von einigen weiß man, dass sie gewildert wurden», sagt Roland Gramling vom Umweltverband WWF. Nach dem Tod eines Jägers wurde bei der Witwe ein ausgestopfter Bär gefunden.

So endete auch Bruno: Er ist im Museum Mensch und Natur in München zu sehen – mit einem 170 Jahre zuvor in Ruhpolding erlegten Artgenossen als Nachbarn, dem damals letzten bayerischen Bären, der zwischen Butterblumen und Margeriten in der Vitrine steht.

Anfangs hatte man Bruno freudig entgegengefiebert. Minister Schnappauf sprach ihm ein herzliches Willkommen aus. Aus dem Ministerium hieß es: «Wir wollen wirklich ein netter Gastgeber sein.»

Am Wochenende des 20. und 21. Mai 2006 setzte JJ1, Erstgeborener von Mutter Jurka und Vater José, die Tatzen auf bayerischen Boden – und zieht gleich eine blutige Spur: Bei Dickelschwaig im Graswangtal bei Garmisch-Partenkirchen reißt er drei Schafe. Tags darauf werden vier weitere Tiere tot gefunden. Mutter Jurka hat JJ1 beigebracht, dass sich bei Menschen gut fressen lässt, wenn man nicht an den Tatort zurückkehrt – wie es Bären sonst gern tun.

«Wir haben einen Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bär, dem Schadbär und dem Problembär. Und es ist ganz klar, dass dieser Bär ein Problembär ist», erläutert der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) die Sache. Der Bär wird zum Abschuss freigegeben. Tierschützer sind empört.

«Ich hatte weinende Tierfreunde am Telefon: „Ihr müsst ihn retten“», erinnert sich Jörn Ehlers vom WWF. Der Umweltverband lässt aus den USA eine Bärenfalle einfliegen – Bruno soll in ein Wildgehege. Weltweit verfolgen Menschen sein Schicksal. Es sei das einzige Mal gewesen, dass er Anrufe von der «Washington Post» und der «New York Times» bekommen habe, sagt Ehlers. «Herr Bruno Is Having a Picnic», beschrieb die «New York Times» dann die Brotzeiten mit Kaninchen, Hühnern und Schafen.

Das Interesse an Bruno toppt fast die Fußball-Weltmeisterschaft. Im Internet wird gewettet: Fliegt Deutschland bei der WM raus oder wird Bruno gefangen? Es gibt Solidaritäts-T-Shirts mit «JJ Guevara» oder «Mich kriegt ihr nie». Im Internet läuft das Spiel «Jagd auf Bruno».

Die Behörden ringen um Lösungen. Der damalige Münchner Zoo-Direktor Henning Wiesner bietet an, Bruno per Blasrohr zu betäuben. Ihn mit einer Bärin zu locken, wird verworfen: Bruno sei erst zwei und interessiere sich nicht dafür. Er sei nur scharf auf Schafe, erklärt ein Ministeriumssprecher. Die Regierung holt finnische Bärenjäger mit Elchhunden. Nach zwei Wochen reisen sie frustriert ab.

Bruno wird erneut zum Abschuss freigegeben. Am 26. Juni wird er im Rotwandgebiet erlegt. Fans halten eine symbolische Trauerfeier auf dem Münchner Marienplatz ab und schalten Traueranzeigen. «Unser Bruno ist tot», schrieb eine Familie aus der Region. «Statt Kranz- und Blumenspenden bitte Protestbriefe und Emails an Stoiber, Schnappauf & Konsorten.» Die Landtags-SPD fordert Schnappaufs Rücktritt – als «Problemminister». Schnappauf selbst spricht von einer der schwersten Entscheidungen, die er je treffen musste. «Ich hätte in der Situation tun können, was ich will, ich wäre immer dafür kritisiert worden.»

Sabine Dobel, dpa