Älteste Jagd-Malerei der Menschheitsgeschichte

Auf einer Höhlenwand in Indonesien verewigten Künstler vor 44.000 Jahren die Vision einer wilden Jagd

Manchmal brauchen Forscher einfach dieses kleine Quäntchen Glück. Als vor zwei Jahren der indonesische Archäologe Pak Hamrullah in einer seit längerem erforschten Höhle im Südwesten der Insel Sulawesi eine kleine Öffnung erspähte, wollte er sich das genauer anschauen und hangelte sich empor, um eine Grotte zu entdecken, an deren Wand hoch oben Steinzeitkünstler ihre Malerei hinterlassen hatten.

Auf den ersten Blick erkannte er sofort Tiere und Handabdrücke, aber erst das genaue Betrachten der Details offenbarte dazwischen sehr kleine Tier-Mensch-Mischwesen auf der Jagd. An der Höhlenwand prangen beeindruckende dynamische Szenen, die frühesten Bildergeschichten der Menschheit.

Die Geschichte der Kunst wird umgeschrieben

Europa galt lange als Wiege der Kunst der Menschheit. In den Höhlen Frankreichs, Spaniens und Deutschlands sollte sie sich vom Abstrakten bis hin zum Expressiven, von einfachen Handabdrücken und geometrischen Kritzeleien bis hin zu komplexen figürlichen Bildabfolgen entwickelt haben, um vor rund 20.000 Jahren im Solutréen und Magdaléniens eine erste Blüte zu erreichen, z. B. in den Höhlen Altamira in Spanien oder Lascaux in Frankreich mit ihren beeindruckenden Tierabbildungen.

Diese Theorie begann in den letzten Jahren schwer zu bröckeln, zunächst durch die Entdeckung der französischen Chauvet-Höhle, deren paläolithische Meisterwerke bis zu 36.000 Jahre alt sind und dabei in einem Schwung so lebendig gezeichnet sind, dass sie wie Trickfilmvorlagen wirken (vgl. Vergessene Träume in 3D). Chauvet bedeutete das Ende des gängigen Modells der stilistischen Datierungen.

Es folgte vor fünf Jahren der nächste Schock für die Prähistoriker, als in Südostasien, auf der Insel Sulawesi Handabdrücke (Stencils) auf einer Höhlenwand gefunden wurden, die ein Alter von etwa 40.000 Jahren aufweisen (vgl. Die älteste Höhlenmalerei der Welt in Indonesien). Damit sind sie so alt wie ihre Pendants in der nordspanischen El Castillo-Höhle.

Die Steinzeitmenschen (darunter viele Frauen und auch Kinder) bildeten sowohl in Europa als auch in Asien ihre Hände negativ auf den Felsen ab, indem sie rote Farbe durch einen Halm oder ein Röhrchen auf den Handrücken und den darunter liegenden Stein pusteten.

Letztes Jahr erwiesen dann neue Datierungen, dass Felsbilder auf Borneo – Hände, aber auch eine Tierdarstellung – ebenfalls mindestens 40.000 Jahre alt sind (vgl. Älteste Höhlenmalerei der Welt auf Borneo entdeckt). Damit hatte sich die Theorie von Europa als Geburtsort menschlicher Kunst erledigt.

Indonesien im Fokus

An den beiden letzten Sensations-Funden in Indonesien waren dieselben Spezialisten beteiligt wie an der aktuellen Studie. Im Wissenschaftsmagazins Nature präsentiert das australisch-indonesische Forscherteam um Maxime Aubert, Adhi Agus Oktaviana und Adam Brumm von der Griffith University in Brisbane die früheste Jagdszene der prähistorischen Kunst.

Die Kalksteinhöhle Leang Bulu’ Sipong 4 liegt im Südwesten der Insel Sulawesi im Karstgebiet von Maros-Pangkep. Eine Region mit Tausenden Höhlen und Grotten, die erst nach und nach genau untersucht werden, in 242 davon wurden bislang Malereien gefunden.

An der Höhlenwand erstreckt sich über 4,5 Meter ein monochromes Panorama mit mehreren Tierbildern, darunter Abbildungen von Vorfahren der heute noch auf der Insel lebenden Sulawesi-Pustelschweine (Sus celebensis) und des Anoa (Bubalus depressicornis), der wegen seiner geringen Größe früher auch Gämsbüffel genannt wurde.

Dazwischen finden sich insgesamt acht winzige Figuren, die wie Menschen mit Tierattributen aussehen, eine Art Tier-Mensch-Mischwesen, die von Experten auch Therianthrope genannt werden. Die an Strichmännchen erinnernden Figürchen haben teilweise wie zu Schnauzen verlängerte Gesichter, einen spitzen Schnabel oder sogar einen Schwanz. Neben ihnen gezeichnete Striche interpretieren die Forscher als lange Speere oder Seilen zum Fangen der Tiere.

Es könnte sich um menschliche Jäger handeln, die Felle, Masken oder Teile von Tierkörpern tragen, um sich währen der Jagd zu tarnen – allerdings sind kleine Vögel sicher keine gute Camouflage, wie die Wissenschaftler anmerken.

Älteste Tier- und Jagdbilder

Die Wissenschaftler entnahmen sehr vorsichtig Proben aus der dünnen Sinterschicht, die sich durch seit Jahrtausenden eindringendes Wasser über den Malereien in der Höhle bildeten. Sie untersuchten dann dieses mineralische Material, das sich wegen seiner Form „Höhlen-Popcorn“ nennt, mit Hilfe der Thorium-Uran-Datierung.

Dabei wird der Zerfall der Uranium- und Thorium-Isotope berechnet. Auf diese Weise ist eine sichere Altersbestimmung der Malerei möglich, da sich die mineralische Ablagerung sehr langsam über den Kunstwerken legt. Die Abbildungen sind also mindestens so alt wie die tiefste Schicht des Sinters.

Die Datierungen ergaben ein Alter von bis zu 43.900 Jahren. Die Tiere und die kleinen Mischwesen sind gleichzeitig gemalt worden, dafür spricht der selbe künstlerische Stil und das gleiche dunkelrote Pigment als verwendete Farbe.

Damit sind diese Höhlenmalereien die ältesten Tierdarstellungen und die ältesten Jagd-Bilder der Welt.

Maxime Aubert stellt klar:

Die Höhlenmalerien von Leang Bulu’ Sipong 4 lassen darauf schließen, dass es es keine graduelle Evolution von einfach zu komplex in der paläolithischen Kunst vor 35.000 Jahre gab – zumindest in Südostasien. Alle wichtigen Komponenten von hoch entwickelter künstlerischer Kultur waren in Sulawesi vor 44.000 Jahren vorhanden, inklusive figurativer Kunst, szenischer Darstellung und Therianthropen.
Maxime Aubert

Die Bilder der Tier-Mensch-Mischwesen auf der Jagd und der rennenden Tiere sind in weiten Teilen nicht sehr gut erhalten, aber trotzdem beeindruckt die Dynamik, die sichtbar werdende Bewegung. Es ist eine szenische Darstellung, eine visionäre Bildgeschichte aus der Altsteinzeit. Die Komposition beinhaltet mehrere interagierende Subjekte und imaginäre Wesen mit menschlichen und tierischen Körperteilen.

In Sulawesi soll eine erste Welle des Homo sapiens, aus Afrika über die arabische Halbinsel wandernd, vor 50.000 Jahren angekommen sein, aber bislang fehlt von ihnen außer ihrer Kunst jede andere Spur. In Europa wanderten die anatomisch modernen Menschen vor 40.000 Jahren ein und malten offensichtlich sofort Höhlenkunst.

Es gab wohl weder einen Urknall der Kunst in Europa noch in Südostasien. Wahrscheinlicher ist, dass unsere Vorfahren die Kunst bereits aus Afrika mitbrachten, wo unsere Spezies vor 300.000 Jahren entstand.

In Südafrika wurden bis zu 100.000 Jahre alte Ockerbrocken entdeckt, die mit geometrischen Ritzmustern verziert sind (vgl Early Start for Human Art? Ochre May Revise Timeline).

In Afrika finden sich die ältesten Beweise kulturellen Verhaltens, denn der frühe Homo sapiens bemalte seinen Körper, er durchbohrte und färbte Muscheln, um sie als Schmuckstücke zu tragen (vgl. Muschelkette als Statussymbol). Ein deutliches Anzeichen von symbolischem und damit kognitivem Denken. Wer sich mit Muscheln behängt, besitzt sehr wahrscheinlich ein Bewusstsein für soziale und kulturelle Identität.

Möglicherweise war es sogar die kulturelle Entwicklung in einzelnen Gruppen, die unsere Ahnen dazu brachte, aus ihrem Heimatkontinent aufzubrechen, um sich neue Lebensräume zu erschließen (Beschleuniger der Expansion).

Schamanen der Altsteinzeit

Eine Erzählung in Bildern offenbarte sich in der indonesischen Höhle. Doch was genau berichtet sie uns?

Die Forschergruppe um Maxime Aubert ist nicht überzeugt, dass es sich um eine schlichte Jagd-Szene handelt, die Autoren spekulieren, es könne sich um eine bildliche Verbindung zu uralten „schamanistischen Glauben und Visionen“ handeln, einer Repräsentation von „tierischen Geisthelfern“.

Darstellungen von Mischwesen sind meist deutlich jünger, als älteste figürliche Darstellung gilt der aus Elfenbein geschnitzte Löwenmensch von der Schwäbischen Alp, der 35.000 – 40.000 Jahre alt ist. Der Löwenmensch gilt bei einer Fraktion der Prähistoriker als religiöses Relikt, als Zeichen der spirituellen Verbindung zu den Kräften und Geistern der Natur.

Ähnliches vermuten die Autoren der aktuellen Veröffentlichung nun auch von den Tier-Mensch-Mischwesen aus der Leang Bulu’ Sipong-Höhle. Auffallend ist ihre geringe Größe, die als Hinweis darauf gelesen werden kann, dass es sich nicht um reale menschliche Jäger, sondern um Geistwesen handelt, mythische hybride Figuren, die sich dem kleinen Büffel entgegenstellen, um ihn einzufangen.

Damit wären sie Symbole religiöser Vorstellungen der Menschen vor mehr als 40.000 Jahren. Der älteste Hinweis auf den Glauben an höhere Wesen. Adam Brumm erklärt:

Therianthrope kommen in der Folklore oder Erzählungen fast aller moderner Gesellschaften vor, und sie werden weltweit in vielen Religionen als Gottheiten, Geister oder Ahnen-Wesen verstanden. Frühe Indonesier schufen Kunst, die eine Form spirituellen Denkens über die spezielle Verbindung zwischen Menschen und Tieren ausdrücken könnte.
Adam Brumm

Weitere Untersuchungen von Höhlen auf den indonesischen Inseln werden folgen. Den Forschern ist klar, dass es ein Wettlauf gegen die Zeit ist, denn aus unbekannten Gründen vollzieht sich aktuell ein fortschreitender sichtbarer Verfall der Malereien auf Sulawesi, die seit Zehntausenden von Jahren dem Vergehen getrotzt haben.

Die Felswände zersetzen sich, bröckeln mitsamt der Höhlenkunst herab, die Gründe sind unbekannt, aber die Folgen verheerend.

Adhi Agus Oktaviana stellt fest: „Es wäre eine Tragödie, wenn diese außergewöhnlichen alten Kunstwerke in unser Zeit verschwinden würden, aber es geschieht gerade. Wir müssen verstehen, warum diese global wichtige Felskunst sich auflöst – jetzt.“