Auf Jagd im Nienburger Wald

Um 10.30 Uhr huscht das erste Reh am Hochsitz vorbei. Marcel Nowak hört mitten im Satz auf zu sprechen. Neben seinen Worten gefriert auch seine Handbewegung. Er steht schon eine halbe Stunde hier, bisher sah er außer weit entferntem Gehusche und Jagdhunden nicht viel. Es nieselt. Seine Augen fokussieren das Reh, welches weiter durch den Wald hüpft. Nowak spricht das Tier an.

Das heißt nicht, dass er wirklich etwas sagt – obwohl Jäger das Wild auch oft anblöcken, damit es stehen bleibt. Denn „Ansprechen“ nennen es die Jäger, wenn sie feststellen, um was für ein Tier es sich handelt. Dabei gelten Regeln: Geschossen wird jung vor alt, damit jungen Tieren nicht die Eltern genommen werden. Außerdem schießen die Jäger kranke vor gesunden Tieren, damit sich Krankheiten nicht ausbreiten. Und da es beim Jagen darum geht, die Population niedrig zu halten, schießen sie zudem weiblich vor männlich.

Um die 40 Schützen hocken an diesem Tag im Nienburger Wald auf Hochsitzen verstreut. Die Niedersächsischen Landesforsten haben zur jährlichen Drückjagd eingeladen. Dabei schießen die Jäger auf Hochwild – in diesem Fall auf Wildschweine, Damwild und Rehe. Zehn Treiber gehen durch den Wald, rufen laut „heija“ oder „hossa“ und scheuchen damit das Wild auf.

Marcel Nowak lässt das Reh ziehen. Er hat es zu spät erkannt, es muss beim Abschuss still stehen und sich in einem Umkreis von 60 Metern befinden. Jeder Schütze sei für seinen eigenen Schuss verantwortlich, erzählt er, es sei wichtig, genug Zeit zum Abwägen zu haben, bevor man schießt.

Es ist erst einmal ruhig im Wald. Ab und zu raschelt das Laub, dann kommt ein Hund in Warnweste angehechelt. In weiter Entfernung überquert eine Rotte einen Gehweg: drei große Wildschweine und zwei kleine Frischlinge. Nach fünf Minuten fällt ein lauter Schuss und durchbricht die Stille. Die Rotte überquert wieder den Weg, diesmal in anderer Richtung. Es fehlt ein großes Wildschwein.

Die Jäger auf den sechs umliegenden Hochsitzen sind Marcel Nowak untergeordnet. Er muss am Ende der Jagd schauen, wie viel diese Jäger geschossen und getroffen haben. Regel bei dieser Jagd ist: Wer zwei Mal hintereinander nicht getroffen hat, der darf nicht weiter schießen. Dies dient dem Tierschutz, da nur sehr gute Schützen schießen sollen, damit das Wild gut getroffen und möglichst schnell getötet ist.

Nach Ende der Jagd suchen die Schützen das geschossene Tier und ziehen es aus dem Wald auf den Hauptweg. Wenn sie das Wild nicht direkt finden, muss ein Schweißhund die Fährte aufnehmen. Während der Drückjagd dürfen die Jäger ihren Sitz nicht verlassen – das kann zwei Stunden Ungewissheit bedeuten.

Ein Abholer fährt dann mit einem Wagen den Hauptweg ab, um die toten Tiere abzuholen, und bringt sie zum Sammelplatz. Dort werden sie aufgehängt und „aufgebrochen“. Wieder so ein Jäger-Wort: Sie werden aufgeschnitten und ausgenommen. Jeder, der einen Jagdschein besitzt, sollte ein Tier selbst aufbrechen können. Beim Sammelplatz treffen sich alle Schützen und Treiber wieder. Sie gratulieren sich und klopfen einander auf die Schulter. „Hattest du Waidmannsheil?“, fragt ein Altförster den jungen Marcel Nowak. Dieser schüttelt den Kopf: Er hat nichts geschossen. Der Gruppenführer muss jedes erlegte Tier seiner Jäger mit einer Marke ausstatten. Diese hilft, das Tier dem Schützen, Ort und der Wildart zu zuteilen. Ein Förster nimmt von jedem Tier beim „Aufbrechen“ eine Blutprobe, die auf Krankheiten, vor allem auf Afrikanische Schweinepest, untersucht wird. Probe und Wild lassen sich durch die Marke zuordnen.

Dann legen sie Strecke: Die Förster hängen das tote Wild in einer Reihe auf. Jeder Schütze, der „Waidmannsheil hatte“, bekommt einen Zweig für den Hut. Zwei Jäger spielen mit ihrem Jagdhoern ein Ständchen.

Im Anschluss an die Jagd setzen sich die Schützen und Treiber noch zusammen ins Warme und Trockene: ins Landhaus Meinkingsburg. Die Anfrage nach Wildfleisch legt in der Vorweihnachtszeit zu, sagt Nowak. Die Förster gingen aber wie gewohnt ihrer Aufgabe nach: „Weihnachten ist für uns natürlich kein Grund, extra viel zu schießen.“ Das geschossene Wild gehört den Jägern nicht selbst, sondern Niedersächsischen Landesforsten verkaufen es an Händler. Das Geld wiederum fließt in die Projekte der Förster. Der Jäger Jan-Lorenz Woitas hat dem Händler ein gerade geschossenes Dammwild wieder abgekauft: „Das wird ein schöner Weihnachtsbraten.“