Basler Tiere im Visier: Hirsch-Jagd mitten im Wohnquartier

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Symbolbild

 
 
 

Der geplante Reh-Abschuss auf dem Basler Friedhof Hörnli stösst auf grossen Widerstand. Wenig entfernt werden in der Stadt Hirsche gejagt – ganz ohne Protest.

Rund 40 Damhirsche leben im Schwarzpark in Basel, mitten im Wohnquartier. Die Tiere ursprünglich angesiedelt hat der Konsul und passionierte Jäger Fritz Schwarz von Spreckelsen, der den Park im Jahr 1926 kaufte. Heute gehört der Schwarzpark dem Kanton, ist öffentlich und ein beliebter Erholungsraum.

Was viele Leute in Basel nicht wissen: Jedes Jahr im Februar werden im Schwarzpark rund ein Dutzend Hirsche geschossen. Anwohner im Quartier hören oder sehen sogar die Jagd. So etwa Franziska Holm, die seit Jahren neben dem Schwarzpark lebt: «Da kommen richtige Jäger in grünem Gewand. Und auf einmal knallt es.»

Viele kommen wegen den Hirschen in den Park

Der Erlenverein, dem der Tierpark Langen Erlen gehört, betreut die Hirsche im Schwarzpark. Diese vermehren sich prächtig. Weil es im Gehege zu wenig Platz habe, werde der Bestand jährlich dezimiert, sagt Erlenverein-Präsident Carlos Methner. Manchmal siedle man zwar einzelne Hirsche um. «Realistisch gesehen ist in diesem Gehege aber das Abschiessen die einzige Alternative.» Sobald die Tiere geschlechtsreif seien, würden sie ihr Revier gegen den Platzhirsch verteidigen. Das führe zu Problemen, so Methner.

Viele Parkbesucher kommen nur wegen der Hirsche. Angesprochen auf die Jagd, finden das die meisten schlecht. Dies gehöre sich nicht und die Tiere hätten auch ein Recht zu leben, sagen Passantinnen und Passanten. Allerdings: Widerstand gegen den Hirsch-Abschuss gibt es keinen.

Umgang mit Tieren «kein administrativer Akt»

Ganz anders beim Friedhof Hörnli, der nur gut zwei Kilometer entfernt ist: Dort hagelt es Protest, seit «Schweiz aktuell» publik gemacht hat, dass Rehe geschossen werden sollen. Mittlerweile haben über 17’000 Menschen eine Online-Petition des Tierschützers Olivier Bieli unterschrieben. Und die Fondation Franz Weber geht juristisch gegen den Abschussplan vor. Dies bewirkte, dass die Rehe eine Schonfrist erhalten, denn der Rekurs hat aufschiebende Wirkung. Das Justiz- und Sicherheitsdepartement muss die Abschussbewilligung begründen.

Riesiger Protest beim Hörnli, kein Widerstand beim Schwarzpark – Universitätsprofessor und Tierphilosoph Markus Wild hat dafür eine Erklärung. Beim Hörnli sei jemand aktiv geworden und habe so eine Welle ausgelöst. «Es kann durchaus sein, dass das auch ein Modell für den Schwarzpark ist und dann viele Leute sagen: Vielleicht ist das dort auch keine gute Idee.»

„Viele wollen nicht, dass der Umgang mit Tieren ein administrativer Akt ist.“
Autor: Markus WildTierphilosoph

Grundsätzlich würden sich die Leute vermehrt für Tiere einsetzen. Es gebe ein Umdenken in der Gesellschaft, sagt Markus Wild: «Viele wollen nicht, dass der Umgang mit Tieren ein administrativer Akt oder eine Sache des Verwaltungsapparats ist, sondern dass dies öffentlich und auch politisch diskutiert wird.» Entsprechend gebe es in Europa immer mehr Tierparteien, deren Vertreterinnen und Vertreter in nationale Parlamente gewählt worden seien, so in Portugal oder Belgien.

Reh-Abschuss auf deutschen Friedhöfen

Dass der Abschuss von Rehen auch auf Friedhöfen ohne Proteste durchgeführt werden kann, zeigen mehrere Beispiele in Deutschland. So werden etwa auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf, dem grössten in Europa, seit Jahren Rehe geschossen. «Der Bestand wird reguliert wegen hohen Schäden und vielen Beschwerden von Grabkunden», sagt der Hamburger Stadtjäger Herbert Blümke gegenüber «Schweiz aktuell». Widerstand gebe es aber nicht. Und: «Ich habe versucht, die Rehe zu vergrämen mit Menschenhaaren, Geruchsteinen und Buttersäure.» Das funktioniere aber nicht immer, so Blümke.

Gleich tönt es bei kleineren deutschen Friedhöfen, wo es ebenfalls Abschüsse gab oder immer noch gibt, etwa in Pinneberg (direkt neben Hamburg), Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) oder Osnabrück (Niedersachsen). «Die Rehe verursachen erhebliche Schäden an den Gräbern. Das ärgert auch viele Angehörige», sagt Guido Roschlaub, Friedhofsleiter in Pinneberg. «Wir haben verschiedene Massnahmen ergriffen, mussten aber am Ende doch Rehe abschiessen.»

«Gewalt statt Phantasie»

«Das Normale ist, dass wir Probleme mit Tieren durch Gewalt lösen und nicht durch Phantasie», kritisiert Markus Wild. Und am Ende gehe es immer auch ums Geld, da ein Abschuss oft billiger sei als andere Massnahmen. «Darum ist es auch eine politische Frage, nämlich: Sind wir bereit, diese Kosten zu tragen?»