Das deutsche Jagdgesetz – ein Nazi-Gesetz?

Hermann Göring hat das Reichsjagdgesetz zwar durchgesetzt, aber nicht selbst ausgearbeitet (Bild: US-Regierung, PD)

Derzeit ist unsere Jagdgesetz wieder einmal Thema, weil es novelliert werden soll. Eine gute Gelegenheit, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, wo es eigentlich herkommt.

Hermann Göring hat das Reichsjagdgesetz zwar durchgesetzt, aber nicht selbst ausgearbeitet (Bild: US-Regierung, PD)
Hermann Göring hat das Reichsjagdgesetz zwar durchgesetzt, aber nicht selbst ausgearbeitet (Bild: US-Regierung, PD)

Jäger werden von Jagdgegnern gerne als Nazis verunglimpft, weil unsere Jagd in Deutschland auf einem Jagdgesetz beruht, welches von ihnen als Nazi-Gesetz hingestellt wird. In der Tat beruht unser Bundesjagdgesetz auf dem Reichsjagdgesetz, welches 1934 erlassen wurde und mit dem neuen Jagdjahr 1935 in Kraft trat. Allerdings ist es nicht das einzige heute noch gültige Gesetz aus der Nazizeit und man könnte daher mindestens genauso gut auch das Waffengesetz und das Naturschutzgesetz als Nazigesetze bezeichnen, weil auch sie in der Zeit des Dritten Reiches erlassen wurden.

Eng mit dem Reichsjagdgesetz verbunden ist der Name von Hermann Göring, welcher dieses in der Vorstellung der Jagdgegner erlassen haben soll, um die feudale Jagd der Zeit vor 1848 wiederzubeleben. Dies jedoch ist eine grobe Verdrehung der Tatsachen. Tatsächlich kam das Reichsjagdgesetz von 1934 auf Betreiben der deutschen Jäger zu Stande, die sich aus praktischen Gründen Hermann Göring als Schirmherr für ihr Projekt ausgesucht hatten.

Den Gedanken eines einheitlichen Reichsjagdgesetzes gab es bereits seit der Gründung des zweiten Kaiserreiches 1871. Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts war allerdings immer noch nichts daraus geworden und die Zeichen für ein solches Gesetz standen schlechter denn je. Es gab in Deutschland zwei konkurrierende Dachverbände der Jäger, die beide jeglichen Vorstoß des jeweils anderen Verbandes in Richtung eines Reichsjagdgesetzes torpedierten und zwar nicht aus sachlichen Gründen, sondern aus reiner Bosheit.

Erst gegen Ende der Zwanzigerjahre näherten sich die beiden Jagdverbände einander an und begannen im Hinblick auf ein Reichsjagdgesetz an einem Strang zu ziehen. Die treibenden Kräfte hinter dem Projekt waren jetzt vor allem die Forstleute Walter Frevert und Ulrich Scherping. Um 1930, in der Endzeit der Weimarer Republik hatte die Politik jedoch offensichtlich andere Sorgen als die, ein einheitliches Reichsjagdgesetz zu schaffen, sodass bis zur Machtübernahme der Nazis 1933 doch noch nichts aus dem Plan der Jäger um Frevert und Scherping geworden war.

Nach 1933 kehrten jedoch wieder geordnete Verhältnisse im Deutschen Reich ein und es gab eine starke Regierung. Jetzt sahen die deutschen Jäger die Zeit gekommen, den Traum von einem einheitlichen Reichsjagdgesetz Wirklichkeit werden zu lassen. Sie überlegten, welcher der neuen Machthaber der richtige sei, um ihren Plan gegenüber der Politik zu vertreten. Dabei fiel ihre Wahl auf Hermann Göring, der damals als Fliegerheld aus dem Ersten Weltkrieg sehr populär war und das Image eines Naturburschen pflegte.

Göring war übrigens zu dieser Zeit noch nicht wirklich Jäger. Zwar hatte er auch schon in dem Rahmen gejagt, in dem dies in seinen Kreisen seinerzeit üblich war und war dem Waidwerk daher keineswegs abgeneigt. Die Leute um Scherping und Frevert nutzten dies geschickt aus und eichten ihn richtig auf die Jagd, indem sie ihn zu einer zünftigen Jagd einluden und einen guten Hirsch schießen ließen. Damit öffneten sie ihm auch das Ohr für die Sorgen und Nöte der Jägerschaft. Göring war vor diesem Hintergrund dann auch leicht für das Projekt eines Reichsjagdgesetzes zu gewinnen und nahm die Sache sogar selbst in die Hand.

Allerdings maßte Hermann Göring sich keineswegs an, das Gesetz selbst zu entwerfen, sondern beschränkte sich darauf, es politisch durchzusetzen. Die fachliche Ausarbeitung übertrug er den Fachleuten um Frevert und Scherping. Dabei wurde der damals aktuelle Stand der Jagdwissenschaft berücksichtigt und das Reichsjagdgesetz wurde zu einem reinen Fachgesetz ohne jegliche ideologischen Inhalte, sieht man einmal von völkisch-pathetischen Formulierungen ab, die es darin gab. Es fußte im Prinzip auf der damals geltenden Waidgerechtigkeit und den damals aktuellen wildbiologischen Erkenntnissen. Nazi-Ideologie suchte man in diesem Gesetz vergeblich, es wurde auch aufgrund seiner fachlichen Richtigkeit international sehr gelobt.

Tatsächlich gab es auch einen Gegenentwurf zu „Görings“ Jagdgesetz, der tatsächlich auf der Ideologie der Nazis beruhte und sozusagen eine nationalsozialistische Jagd schaffen wollte. Göring gelang es jedoch „seinen“ Entwurf durchzusetzen und so konnte mit dem Beginn des Jagdjahres 1935 nach dem lange ersehnten einheitlichen Reichsjagdgesetz zu jagen begonnen werden. Neuerungen in diesem Jagdgesetz waren unter anderem das Verbot des rauen Schusses auf Schalenwild und die Einführung einer Jägerprüfung.

Aufgrund seiner sachlichen Richtigkeit wurde das Reichsjagdgesetz dann nach dem Zweiten Weltkrieg dann auch im wesentlichen als Bundesjagdgesetz übernommen. Mittlerweile wurde es auch neueren Erkenntnissen angepasst und entrümpelt; so wurde zum Beispiel schon lange die Einteilung von Rehböcken in Klassen wie beim Rotwild fallen gelassen.

Sicherlich muss ein Gesetz wie unser Bundesjagdgesetz immer wieder einmal überarbeitet und den neuesten jagdwissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst werden. Derzeit besteht jedoch die Gefahr, dass bei einer Novelle des Jagdgesetzes nicht wildbiologische Fakten sondern die Ideologie von Leuten mit Bambi-Syndrom die Feder führt. Was bei so etwas herauskommt, kann man sich in unserem Nachbarland, den Niederlanden anschauen, wo bereits erhebliche ökologische Schäden und Grausamkeit gegen Tiere wie etwa das Vergasen überzählige Wildgänse die Folge von falsch verstandenen Tierschutz und dem daraus entstandenen seit einigen Jahren bestehenden Flora- und Faunagesetz sind, welches eine sinnvolle Jagd unmöglich gemacht hat.

Volker Wollny