Die Legende vom Rauschzeitchaos

SchSpätwinter/Vorfrühlingwarzwild im

Wenn Bachen zu anderen Zeiten als der üblichen Rauschzeit rauschig werden, bezeichnet man das als Rauschzeitchaos und führt es darauf zurück, dass die Leitbache der betreffenden Rotte weg geschossen wurde und nun die Rauschzeit der übrigen Bachen nicht mehr synchronisiert wird, was zur übermäßigen Vermehrung der Schwarzwildbestände führen soll. Ist diese These nun aber überhaupt plausibel?

SchSpätwinter/Vorfrühlingwarzwild im
Das Schwarzwild findet in unserer heutigen Kulturlandschaft beste Bedingungen vor

In der Tat haben wir heutzutage enorm große Schwarzwildbestände und man kann vielerorts gestreifte Frischlinge zu Zeiten beobachten, zu denen sie nicht vorkommen dürften. Ob dies seinen Grund in von der Rotte weg geschossenen Leitbachen hat, sollte hinterfragt werden. Die These vom Rauschzeitchaos klingt zwar für sich gesehen plausibel, muss aber auch vor dem Hintergrund der Gesetzmäßigkeiten gesehen werden, die für Anpassung und Populationsentwicklung und dem Einfluss des Biotops auf diese gelten.

Zunächst einmal ist es ganz klar, dass Populationen zum einen nicht über die Grenzen hinaus wachsen können, die ihnen der jeweilige Lebensraum in Form von begrenzten Ressourcen setzt. Zum anderen wird sich ein Bestand jedoch so lange vergrößern, bis die knappste Ressource ausgeschöpft ist. Meist ist dies das Nahrungsangebot. Auch im Falle des Wildschweins dürfte dies der entscheidende Faktor sein, denn wir wissen, dass die übermäßige Vermehrung der Schwarzwildbestände mit der Umstellung des Futtermittelanbaus von Rüben auf Mais einher gegangen ist.

So erklärt sich die Zunahme der Bestände hinreichend aus der Zunahme des Nahrungsangebots. Andererseits ist es auch schwer nachzuvollziehen, warum die Zahl der gesetzten Frischlinge davon abhängen soll, ob diese nun alle gleichzeitig zur allgemeinen Setzzeit des Schwarzwilds oder zu von Bache zu Bache individuell verschiedenen Zeiten gesetzt werden. Außerdem ist davon auszugehen, dass sich ein Mechanismus, so es einen solchen gibt, der die Rauschzeit von Bachen synchronisiert, nach den Gesetzmäßigkeiten der Evolution entwickelt hat, weil er Überlebensvorteile bringt: Frischlinge, die zur „richtigen“ Zeit gesetzt werden, weil ihre Mutter zur „richtigen“ Zeit rauschig wurde, überleben und geben dieses Verhalten weiter, weil sie es ebenfalls ererbt haben. Da so diejenigen Individuen überleben, die das „richtige“ Verhalten ererbt haben, wird es in der Population immer mehr Bachen geben, die sich so verhalten und somit die besseren Fortpflanzungserfolge erzielen.

Gesetzt der Fall, die Rauschzeit wird tatsächlich von der Leitbache gesteuert, wäre bei Ausfall derselben dieser Mechanismus tatsächlich außer Kraft gesetzt. Dass dies nun zu einer stärkeren Vermehrung führen soll, ist kaum nachzuvollziehen: Schließlich dient der Mechanismus der Rauschzeitsynchronisation, so es ihn in der Tat gibt, ja gerade der Sicherung der Vermehrung und sein Ausfall müsste dann die Vermehrung eines Bestandes hemmen und nicht fördern.

Umgekehrt wird aber ebenfalls ein Schuh daraus: Wenn Frischlinge, die zur Unzeit geboren werden, überleben, überleben nicht nur solche, deren Mutter auf Grund einer weggeschossenen Leitbache zur falschen Zeit rauschig geworden ist, sondern auch solche, deren Mutter dieses Verhalten erbbedingt nicht hatte und trotz der vorhandenen Leitbache zu einem individuellen Zeitpunkt rauschig geworden ist. Dadurch wird sich dieses Verhalten dann natürlich auch weitervererben und nicht immer wieder ausgemerzt werden.

Die These vom Rauschzeitchaos und der daraus folgenden übermäßigen Vermehrung des Schwarzwilds ist also mehr als fragwürdig. Natürlich heißt das nicht, dass man auf Leitbachen schießen soll, denn Leitbachen sind eigentlich immer führende Bachen und der Abschuss einer solchen ist keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine ausgewachsene Straftat, die im Ernstfall sogar mit Gefängnis bestraft werden kann, auf jeden Fall aber den Jagdschein kostet.
Volker Wollny