Ein genialer Trick der Natur: die Eiruhe beim Rehwild

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Rehkitze kommen im Frühsommer zur Welt, obwohl sie bereits im vorigen Hochsommer gezeugt wurden und das Reh eigentlich viel kürzer tragen müsste (Bild: Zumthie, Lizenz: PD)
Rehkitze kommen im Frühsommer zur Welt, obwohl sie bereits im vorigen Hochsommer gezeugt wurden und das Reh eigentlich viel kürzer tragen müsste (Bild: Zumthie, Lizenz: PD)

 
 
 

Jeder Jungjäger lernt es im Jägerkurs: Die Befruchtung findet beim Rehwild in der Blattzeit, also im Hochsommer statt, die befruchtete Eizelle beginnt aber erst um oder nach Weihnachten, sich zu entwickeln. Dabei handelt es sich um einen interessanten Trick der Natur, ohne den das Rehwild wohl kaum überleben würde.

Rehkitze kommen im Frühsommer zur Welt, obwohl sie bereits im vorigen Hochsommer gezeugt wurden und das Reh eigentlich viel kürzer tragen müsste (Bild: Zumthie, Lizenz: PD)
Rehkitze kommen im Frühsommer zur Welt, obwohl sie bereits im vorigen Hochsommer gezeugt wurden und das Reh eigentlich viel kürzer tragen müsste (Bild: Zumthie, Lizenz: PD)

Bevor im 19. Jahrhundert Mikroskope aufkamen, gab die Tragzeit des Rehwilds den Jägern Rätsel auf: Normalerweise korreliert die Tragzeit von Säugetieren in etwa mit deren Körpergröße. Das Rotwild trägt etwa acht Monate und daher müsste sein kleiner Verwandter, das Rehwild deutlich kürzer tragen. Tatsächlich vergehen von der Blattzeit, der offensichtlichen Paarung des Rehwilds bis zum Setzen der Kitze jedoch etwa zehn Monate.

Eine der Theorien von damals ging dahin, dass die zu beobachtende Brunft in der Blattzeit eine Scheinbrunft sei und der wirkliche Beschlag heimlich, still und leise um Weihnachten herum stattfände. Tatsächlich kann man um diese Zeit vereinzelt brunftige Stücke beobachten. In den Jagdzeitschriften der damaligen Zeit wurde das Thema in Form von Leserbriefwechseln rege diskutiert, bis dann mithilfe des Mikroskops das Rätsel gelöst werden konnte, wie es beim Altmeister Carl Emil Diezel in seiner „Niederjagd“ zu lesen steht: Der Beschlag erfolgt beim Rehwild in der Tat in der Blattzeit, aber das befruchtete Ei entwickelt sich zunächst einmal nicht weiter. Erst um Weihnachten herum beginnt dann die Entwicklung des Fötus, sodass die eigentliche Tragzeit von etwa fünf Monaten dann doch in etwa zur Körpergröße des Rehs passt.

Die brunftigen Stücke, die man in der Weihnachtszeit in seltenen Fällen beobachten kann, sind solche, die in der Blattzeit nicht beschlagen wurden bzw. zumindest nicht aufgenommen haben.

Was aber ist der Sinn der Eiruhe? Mit ein wenig Überlegung kann man drauf kommen: Der Zeitpunkt des Setzens im Frühsommer bewirkt, dass die für die Aufzucht der Jungtiere am besten geeignete Jahreszeit optimal genutzt wird. Mit seiner der Körpergröße geschuldeten tatsächlichen Tragzeit von etwa fünf Monaten müsste sich das Rehwild dann tatsächlich um Weihnachten herum paaren. Das ist aber eine ungünstige Zeit dafür: Zwar haben die Rehböcke keinen ganz so großen Stress in der Brunft wie die Rothirsche, die alle Hufe voll zu tun haben, ihr Brunftrudel zusammen zu halten und gegen unsittliche Annäherungsversuche von Rivalen zu verteidigen. Dennoch ist die Blattzeit für den Rehbock anstrengend, weil auch er nur das eine im Kopf hat und deswegen ständig auf Freiersfüßen unterwegs ist.

Zieht man nun noch in Betracht, dass gestandene Rothirsche an den Folgen der kräftezehrenden Brunft eingehen können, wird folgendes klar: Weil das Rotwild im September brunftet, bleibt dem Rothirsch anschließend noch eine gewisse Zeit mit einem recht guten Äsungsangebot, um wieder zu Kräften zu kommen, was aber auch nicht in allen Fällen reicht. Der viel kleinere Rehbock hingegen wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tode verurteilt, wenn er sich um Weihnachten herum beim Brunftgeschehen verausgaben würde, genau dann, wenn es beginnt, für das Wild richtig hart zu werden und er kaum eine Chance hätte, sich die bei seinen Liebesabenteuern verlorenen Kalorien wieder anzuäsen. Mit der Eiruhe wird dieses Problem jedoch gelöst: Das Brunftgeschehen findet so zeitig statt, dass der Bock sich anschließend noch bei guter Äsung erholen kann, bevor die schlechte Zeit beginnt und gleichzeitig kann die Geiß ihre Kitze zu Beginn der für die Aufzucht günstigen Jahreszeit setzen.

Volker Wollny