Handy und Jagd – darum passt es nicht zusammen

Handy und Jagd – das muss nicht sein. Ein Tag ohne Handy, Internet, Facebook oder WhatsApp – das ist für Gerd G. von Harling ein paradiesischer Zustand.

Viele aus seiner nachfolgenden Generation scheinen aber ihre Probleme damit zu haben, auf Handy und Co während der Jagd zu verzichten. Warum das aber vielen gut tun würde und uns zu besseren Jägern macht, erklärt der erfahrene Weltenbummler und Jäger im folgenden.

Handy und Jagd = verpasste Gelegenheiten

Die auf einem Drückjagdstand auf Wild harrende junge Jägergeneration unterscheidet sich kaum von ihren auf den Zug wartenden Zeitgenossen auf dem Bahnhof. Da wird eine Brotzeit auf dem Sitz ausgepackt, eine Thermoskanne geöffnet, das Handy griffbereit platziert (den echten Jäger, der mit der Zeit geht, erkennt man an der Camouflage-Hülle seines tragbaren Telefons), und am Ende des Drückens heißt es dann, das Wild erschien ohne jegliche Ankündigung und huschte ganz plötzlich über die Schneise, dass keine Zeit blieb, in Anschlag zu gehen.

Ansitz erfordert aber ständige Aufmerksamkeit, um lohnenswerte Momente zu nutzen, und gerade auf Drückjagden gibt’s so viel zu sehen, so viel zu beobachten. Da harmonieren Handy und Jagd einfach nicht. Schon ein alter Spruch sagt: „Wer drei Stunden auf Ansitz jagt, hat keine zehn Sekunden zu verschenken, oder er verschenkt seine Chance.“

Die Sucht nach Bildern

Als ich kürzlich am Ende einer Drückjagd zum Sammelplatz kam, waren die wartenden Schützen längst über sämtliche Ereignisse während des Treibens informiert. Die jungen Jäger hatten gleich nach dem Schuss auf dem Stand einen Rundruf oder eine Kurznachricht (über ihre „Heldentaten“) an alle Freunde abgesetzt. Meldete man früher bescheiden dem Jagdherrn seine Strecke, wird diese heute in großem Kreis stolz herumgereicht, aufgenommen mit dem Smartphone und als Selfie mit dem stolzen Erleger sofort an Freunde nah und fern gesendet.

Der in fernen Ländern erlegte Kudu oder Leopard ist schneller auf dem Bildschirm des Smartphones in Deutschland als auf dem Pick-up in Afrika. Die Frage: „Habe ich auf dem Sitz WLAN-Empfang?“, wäre überflüssig, wenn das Einschalten eines Handys auf der Drückjagd nur im Notfall gestattet wäre. Würde sich jeder daran halten, bräuchte niemand nach fadenscheinigen Ausreden für verpasste Gelegenheiten zu suchen, und die Strecken wären höher.

Die heilige Ruhe

Ruhe ist doch ein sehr hohes Gebot für den Jäger, grübele ich. So ein Handy auf Jagd kann im entscheidenden Moment stören, zudem lenkt es vom eigentlichen Ziel des Jagens ab. Die Krönung wurde mir in einer Jagdeinladung präsentiert: „Achtung, leider ist nicht auf allen Ständen Handyempfang gewährleistet!“ Auch Angst vor Notfällen ist nicht überzeugend. Ich habe im Urwald, in der Savanne und im Gebirge lebensgefährliche Situationen gemeistert – ohne Handy. Kurz: Mir ist die Ruhe auf der Jagd heilig, ich brauche kein Handy – basta!

Moderne Erinnerungskultur

„Also, den muss ich dir unbedingt zeigen.“ Damit zückte mein Gegenüber sein Smartphone, und es begann eine schier endlose Pirsch durch den fast undurchdringlichen Wald der für mich unbegreiflichen, fremden Medienwelt. „Tatsächlich, schau her, 573 Jagdfotos habe ich gespeichert“, freute sich mein Freund, „das erste im Mai 2004, also vor 15 Jahren.“ Damals hatte Martin, der hoffnungsvolle Sprössling des Freundes, so erfuhr ich, seinen ersten Rehbock geschossen. Es schwang so etwas wie Nostalgie mit, als mir der stolze Vater begeistert das Display vor die Nase hielt. Ich starrte mit mäßigem Interesse auf einen bleichgesichtigen, pickeligen Jungen, der, vor sich Papas Repetierbüchse, daneben, schwer zu erkennen, ein braunes, hasengroßes Etwas, das sich bei genauerem Hinsehen mit Fantasie als kümmerlicher Knopfbock erwies, im hohen Gras hockt und der mittlerweile in die Jahre gekommene Martin ist.

Viele Bilder, keine Erinnerungen

Nachdem ich gebührend gestaunt hatte, kam sofort das nächste Bild auf dem winzigen Monitor. Ein wenig aussagender Buchenwald. „Ach, Jagdurlaub bei Freunden in Österreich, oder nee, stimmt nicht, das war in Holstein, ist ja auch egal.“ „Und kuck mal hier, der Gams. Weiß gar nicht mehr, ob der von mir ist oder ob das der ist, den der Franzl damals geschossen hat.“ Fortsetzung folgte. Nebel über einer Wiese mit fünf Punkten, bei denen es sich angeblich um Rehe handelte, dann das Foto einer Niederwildstrecke mit der Bemerkung: „Hab ganz vergessen, wo das war“, und wieder ein Knopfdruck. Von einer Trophäe zur nächsten, schnell als erinnerungsträchtige Knochen fotografiert, um Mitmenschen die Heldentaten voller Stolz und selbstgefällig zu präsentieren, ging es im Parforceritt weiter durch 15 Jahre Jägerleben, dokumentiert in einem winzigen Computer.