Jagd auf Waschbären im Sternberger Seenland

Eigentlich kommt der Waschbär aus Nordamerika. Doch seit Mitte des 20. Jahrhunderts lebt er auch hier in Europa und in Deutschland. Denn in den 1930er Jahren waren in Hessen einige wenige Paare wegen ihres für Jäger attraktiven Pelzes bewusst ausgesetzt worden. Dazu flohen während des Zweiten Weltkrieges in Brandenburg einige Exemplare der Gattung aus einem Gehege. Die Ausbreitung verlief von da an aus diesen beiden Regionen heraus stetig. Abgesehen davon gilt der Waschbär in Zoos und Tiergärten als Ausbrecherkönig. In der Paarungszeit sind die Rüden kaum zu halten und finden als gute Kletterer häufig ihren Weg in die Freiheit. Das verstärkte das Problem in den letzten Jahren weiter.

Aktuell bis zu 80.000 Waschbären in MV

Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist das Problem schon seit einigen Jahren bekannt. Bereits 2017 hatte das Umweltministerium in Schwerin geschätzt, dass bis zum Jahr 2020 das Land mit bis zu 80.000 Tieren besiedelt sein könnte. Aktuelle Zahlen zur Größe der hiesigen Population existieren allerdings bisher nicht. Und ein beträchtliches Problem ist auch, dass es hierzulande keine natürlich Feinde gibt, eben weil die Kleinbären ursprünglich nicht hier heimisch sind.

Betonrohre mit Wippe als Fallen

Daher wird der Waschbär mittlerweile ganzjährig gejagt, so auch in der Sternberger Seenlandschaft. Dort beobachten die Jäger, dass der Waschbär große Schäden verursacht. An einem Seitenarm des Flusses Mildenitz versuchen sie, die Waschbären mithilfe von Betonrohr-Fallen zu stellen. „Der Waschbär läuft in die Röhre rein, in der sich eine Wippe befindet. Wenn die betätigt wird, löst es eine Fallklappe aus. Und der Waschbär ist gefangen“, erklärt Jäger Rainer Barabas.

Auch Störche und Seeadler bedroht

30 Waschbären seien im vergangenen Jahr hier in seine Falle gegangen, so der Jäger. Das Ziel dabei: Die Artenvielfalt in seinem Bezirk soll geschützt werden. Die Naturschützer stellen auch Nisthilfen für Stockenten auf, damit die Räuber nicht an die Nester kommen und die Eier fressen. Und auch andere Vogelarten sind in Gefahr: „In unseren Wäldern sind wir in der glücklichen Lage, dass hier der Schwarzstorch und auch der Seeadler brütet, und dass wir noch eine hohe Anzahl an Singvögeln haben. Doch die Waschbären können gut schwimmen und klettern, da ist keine dieser Vogelarten vor ihnen sicher“, erzählt Barabas besorgt. 5.000 Hektar umfasst der Hegering Sternberg, ein Zusammenschluß mehrerer Jagdreviere. Vor zehn Jahren haben die zuständigen Jäger erstmals fünf Waschbären erlegt, im vergangenen Jahr waren es 280.

Prävention oder Kastration als Lösung?

Das Bundesamt für Naturschutz vertritt die Auffassung, bisher habe die Ausbreitung des Waschbären in Deutschland noch keine flächendeckenden ökologischen Schäden zur Folge. Tierschützer Francesco Dati vertritt ebenfalls eine andere Meinung als die Jäger: „Der Waschbär räubert zwar, aber gefährdet keine Arten. Er ist Vegetarier und benötigt nur gelegentlich Proteine in Form von tierischem Eiweiß“, so der Biologe aus Marburg. Er fordert präventive Maßnahmen statt oder ergänzend zur Jagd. Vogelnester sollten stärker geschützt werden, so wie es die Sternberger Jäger bereits für Stockenten tun. Sie umwickeln Bäume mit Plastikmanschetten, damit die Waschbären nicht hinauf klettern. Und auch eine Kastration der männlichen Tiere könnte eine Lösung sein. Doch beides wäre sehr aufwendig und ist beim Deutschen Jagdverband umstritten.

Habitatkapazität bisher nicht ausgeschöpft

Dass der Waschbär eine invasive Art ist, bleibt unbestritten. Doch wie stark das kleine Raubtier die heimische Artenvielfalt schädigt, da gehen die Meinungen auseinander. Trotz des aktuellen Waschbär-Booms sind Vermehrung und Ausbreitung nach Meinung von Experten nicht endlos, irgendwann wäre die Habitatkapazität erreicht. Die natürlichen Grenzen liegen beim Lebensraum und Nahrungsangebot für die Tiere. Doch wann diese Grenzen erreicht sind, ist momentan nicht vorhersehbar.