Jagd-Experte widerspricht Seenplatten-Behörde

Neben Trunkenheit am Steuer sollte sich ein Jäger auch dafür verantworten, dass er sein Gewehr ungeladen und offen auf dem Rücksitz liegen hatte. Ein Anwalt für Jagdrecht kann das nicht verstehen.

Neddemin. Es waren gleich mehrere Jäger und Förster, die auf den Vorfall reagierten. Und die meisten äußerten Unverständnis für das Verhalten ihres Weidgenossen. Dieser war Ende August von der Polizei mit 1,6 Promille auf seiner Fahrt zum Jagdrevier angehalten worden. Neben einem Verfahren wegen Trunkenheit am Steuer war auch von einem „ordnungsrechtlichen Verstoß” die Rede. Denn auch ungeladene Gewehre dürften sich nicht offen im Auto befinden. Auch Peter Handsche, Leiter des kreislichen Ordnungsamtes, dem auch die Jagdbehörde untersteht, bestätigte diese Einschätzung. Zwar sei das nicht im Waffengesetz näher geregelt, „doch es gab bereits Urteile”, so Handsche. Somit dürfe die ungeladene Waffe außerhalb des Reviers nicht zugriffsbereit sein.

Eine Aussage, die einen Weidmann aus der Region mit dem Kopfschütteln lässt. „Ich hab das Gewehr auch meist offen auf dem Rücksitz. Doch jetzt kommen ständig irgendwelche besorgten Bürger und wollen mir das verbieten”, klagt der seit Jahrzehnte aktive Jäger sein Leid.

Und auch Heiko Granzin ist von der Meinung der Behörde alles andere als eingenommen. Der Hamburger Anwalt, selbst passionierter Jäger, hat sich unter anderem auf Jagd- und Waffenrecht spezialisiert. Der deutschen Jagdzeitung stand er schon häufiger mit seiner juristischen Expertise zur Verfügung. „In Paragraph 13 Absatz 6 des Waffengesetzes ist eindeutig geregelt, dass der Jäger seine Waffe zur Jagdausübung oder im Zusammenhang mit dieser Tätigkeit führen darf”, sagt er auf Nordkurier-Anfrage. Der „Zusammenhang” sei in dem Fall die Fahrt zum Jagdrevier. Und die Waffe bei sich zu führen, schließe ein, dass sie zugriffsbreit sein dürfe. Anders, als wenn er diese nur transportieren würde. Der Unterschied? „Als Sportschütze auf den Weg zum Schießstand transportiere ich beispielsweise meine Waffe. Da darf sie tatsächlich nicht offen herumliegen”, so Granzin.

Ordnungsamt kontrolliert Aufbewahrung der Waffen

Der Nordkurier fragte erneut beim Kreis nach. Eine Sprecherin konkretisiert etwas und verweist Entscheidungen, die der Landkreis bei straf- und verwaltungsgerichtlichen Verfahren erwirkt hat. Die Akten seien aber nicht öffentlich. Dennoch würde sich die Verwaltung an ihnen orientieren. Anwalt Granzin kennt dieses Prozedere. „Ordnungsbehörde sind immer auf die maximale Sicherheit bedacht”, erklärt er. Das schieße jedoch gerne mal weit über das vom Gesetz vorgegebene hinaus.

Dann nennt Granzin ein Beispiel, das aktuell den einen oder anderen Jäger in der Region aufhorchen lassen könnte. Denn ganz aktuell sind Mitarbeiter des Ordnungsamtes unterwegs, um die korrekte Aufbewahrung der Waffen zu überprüfen: „Ich bin mir sicher, dass demnächst wieder Bescheide in die Haushalte flattern, weil die Waffenschränke nicht festgeschraubt waren”, mutmaßt der Anwalt. So habe er es in der Vergangenheit auch bereits erlebt. Dabei stehe auch das nirgendwo im Gesetzestext geschrieben.

Um derlei juristische Feinsinnigkeiten muss sich der 64-Jährige, der Ende August gestoppt wurde, aber wohl keine Sorgen mehr machen. Auf die Frage an den Kreis, ob in seinem Fall bereits eine Entscheidung hinsichtlich der Abgabe des Jagdscheins gefallen sei, antwortete dieser lakonisch: „Der Jäger hat mit seiner Entscheidung die Notwendigkeit der Einleitung eines behördlichen Verfahrens hinfällig werden lassen.” Eine Erläuterung blieb aus. Doch es deutet stark darauf hin, dass der Betroffene von selbst Verantwortung für sein Handeln übernommen und den Jagdschein abgegeben hat.