Jagd mit Gästen rund um Zehdenick

Zum fünften Mal gingen Jäger rund um Zehdenick auf eine besondere Jagd. Der Jagdgebrauchshundeverein Oberhavel/Uckermark und die Landeswaldoberförsterei luden Gäste zum Abendansitz ein.

Zehdenick. Zur Jagd gehen, dabei zusehen, wie ein Tier getötet wird, wie der Jäger es aufbricht und ausweidet? Will ich das, kann ich das? Als Kind habe ich zugesehen, wie meine Oma ein Huhn köpfte und ihr dabei die Tränen flossen. Mir selbst war wochenlang hundeelend, als sich ein Raubvogel das Familienkaninchen gekrallt hatte.

Aber da ist sie nun mal, die Gelegenheit, den eigenen Horizont zu erweitern – die Einladung zum gemeinsamen Jagdabend in Zehdenick. 36 Jäger und noch einmal so viele Nicht-Jäger sind zum gemeinsamen Abendansitz in den Zehdenicker Forst- und Jagdrevieren verabredet. Zum fünften Mal organisiert vom Jagdgebrauchshundeverein Oberhavel/Uckermark und der Landeswaldoberförsterei Reiersdorf. Das Ziel: informieren und Verständnis wecken. Imagepflege.

Die Gäste treffen am Freitag nach und nach auf dem Gelände der ehemaligen Oberförsterei, dem Ausbildungszentrum für Forstwirte, ein. Die meisten haben wie ich noch nie selbst eine Jagd erlebt, freuen sich auf den Ausflug in die Natur, sind aufgeschlossen und neugierig bis über beide Ohren.

Aber sie müssen sich gedulden.

Astrid Hillemeier (55) meldet sich als erste Jägerin bei Revierförster Maik Weingärtner an, dem Herrn über die Listen. Der gestrenge Blick in den Jagdschein zeigt – alles in Ordnung. „Gerade frisch verlängert“, sagt Astrid Hillemeier. Das ist jedes Jahr nötig, aber auch in Drei-Jahres-Schritten möglich. Die Jäger-Ausbildung dauert ein Jahr. Hunde müssen ihre Fähigkeiten bei einer Brauchbarkeitsprüfung unter Beweis stellen.

Über die Hundezucht und -ausbildung kam Astrid Hillemeier, die Schulsekretärin aus Oberhavel, selbst zur Jagd. „Normalerweise braucht man einen Begehungsschein, deshalb freue ich mich über eine solche Einladung“, sagt sie. Im Kreisjagdverband ist sie Schriftführerin und zudem eine der Betreuerinnen des Lernort-Natur-Mobils, das erst kürzlich angeschafft wurde.

An dem mit Tierpräparaten und Informationsmaterial ausgestatteten Wagen wird an Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen das Interesse an den Zusammenhängen in der Natur und an den Aufgaben der Jäger geweckt. Genau das ist auch das Ziel solcher Jagdabende wie in Zehdenick. Und weil das Thema komplex ist, erleben die Gäste zum Aufwärmen eine Podiumsdiskussion über nachhaltige Forstwirtschaft in Zeiten des Klimawandels.

Wissen über den Wald

Karl-Ernst Brehmer befragt Forstwirtschaftsmeister Andreas Schöneck, Forststudentin Bettina Lempke, Forstwirtschaftsanwärter Hans-Lennard Vöcks und den Auszubildenden Richard Herpel über ihre Ansichten, Erfahrungen und Herausforderungen. Es geht um Holzeinschlag, Schädlinge und Trockenheit, die Berufsausbildung und -aussichten sowie den Generationenwechsel bei den Revierförstern, der – vom Alter her ähnlich wie bei den Lehrern – Sorge bereitet. Zum Wolf gibt es nur einen Satz: „Wir sind der Meinung, dass der Wolf irgendwann reguliert werden muss“, so Karl-Ernst Brehmer.

Bevor das Signal zur Jagd ertönt, gibt es noch einen Wald-Knigge – für aufmerksame Naturfreunde nichts Neues – und einige Regeln für den Abend. Alkohol ist bei der Jagd tabu. Auch danach, beim Schüsseltreiben, dem gemeinsamen Essen. Die meisten sind schließlich mit dem Auto da, das sollte also selbstverständlich sein.

Dann wird es interessant: Nur bestimmte Tierarten dürfen erlegt werden. Geschossen wird erst, wenn auch der Gast einverstanden ist. „Es könnte emotionale Probleme geben“, erklärt Maik Weingärtner. Nach seiner Erfahrung komme das aber kaum vor, vor allem die Frauen seien da manchmal schneller als die Jäger. Die Leute schmunzeln.

Mit dem Wunsch, einen schönen Tag in der Natur zu verbringen, werden die Jagdgruppen in die Reviere geschickt. Für uns geht es Richtung Deutschboden. Jede Gruppe hat einen Ansteller, er weist die Pärchen dem jeweiligen Ansitz zu. Kay Schmerbach, Veterinärmediziner, erkundigt sich, ob die drei Gäste schwindelfrei sind und wünscht schließlich Walter Obermann, dem Jäger aus Berlin, und mir einen erfolgreichen Anblick.

Die Jägersprache ist gewöhnungsbedürftig. Ich merke, dass ich kaum ansatzweise die Begriffe beherrsche.

Walter sieht einen Hasen, ich nur die Löffel. Das Getreide ist schon so hoch, dass ein Reh sich dort verstecken könnte. Gute Aussichten.

Warme Sachen und eine Decke sollen die nächsten Stunden im Freien erträglich machen. Die Temperaturen liegen im einstelligen Bereich. Fotoapparat, Fernglas, Gewehr liegen bereit. Der Wind ist unbeständig und unangenehm, dazu noch verräterisch. Das Wild hat die Warnung verstanden. Erfolgsdruck hat zwar niemand an diesem besonderen Jagdabend. Trotzdem will man ja etwas erleben, wenigstens sehen. Mehr als nur faszinierende Wolkenformationen.

Reicher Erfahrungsschatz

Wir unterhalten uns im Flüsterton. Walter (71) jagt seit 35 Jahren. Ein Freund hatte ihn einmal mitgenommen, das Interesse wuchs. Bei mir wächst der Respekt. Ein Jäger, ein erfahrener noch dazu, ist ein wandelndes Biologielexikon. Vermutlich könnte ich noch etwas über Waffen lernen, aber dazu kommt es nicht. Immer wieder schweifen die Blicke über die Felder und Waldränder. Entspannt und doch gespannt. Aber da ist keine Bewegung. Im Dämmerlicht treten nur die Schatten hervor.

Die Tochter hat mehr Glück

Nach mehr als einer Stunde der erste Schuss in der Ferne. Es ist der Hebeschuss, wie Walter erklärt. Drei Minuten später der nächste, ganz nah. Gegenüber auf dem Hochsitz hat Walters Tochter Nadine (34) einen Rehbock beschossen. Sie hat kurzzeitig Funkverbindung, schickt eine Nachricht übers Handy, denn sie braucht einen Hund und einen Schweißriemen. Dass sie die lange Leine vergessen hat, war ihr schon in Berlin auf dem Waidmannsluster Damm aufgefallen…

Der Cocker Spaniel Clooney bekommt trotzdem nichts zu tun. Nadine hat das Tier gefunden. Es ist fast dunkel, wir leisten ihr und ihrem Jagdgast Ute Gesellschaft, während sie routiniert den etwa vier Jahre alten Bock aufbricht. Der Schuss saß nicht optimal, war aber trotzdem sofort tödlich. Schon als Kind ging Nadine mit ihrem Vater auf die Jagd. Mit 20 Jahren machte sie ihren Jagdschein.

Die Gruppe ist wieder vereint. „Hat der Jäger nichts geschossen, hat er die Natur genossen“, tröstet Walter mich und sich selbst. Er kennt einige solcher Sprüche.

Gemeinsam geht es zur Ehrung der Jäger und zum Schüsseltreiben. Es ist längst dunkel. Noch nie habe ich zarteren Wildschweinbraten gegessen.

Zwei Stück Damwild und vier Rehböcke hat die außergewöhnliche Jagdgesellschaft erlegt, weniger als im vorigen Jahr. Zweimal ertönt das passende Jagdhornsignal. Die Tiere gehören dem jeweiligen Waldbesitzer, der Jäger kann sie kaufen.

Halali! Feierabend. Im nächsten Jahr will Karl-Ernst Brehmer etwas anderes ausprobieren. Am Tag des Waldes im April soll die Jagdgesellschaft, also die Jäger und ihre Gäste, Bäume pflanzen. Und dabei sicher auch etwas lernen. Den Förster freut’s.