Kontroverse zwischen Forst und Jagd: Zertifizierung bleibt auf der Strecke

0
2297
Es gibt zu viel Rehwild im Aachener Stadtwald.

 
 
 

Die Stadt Achern darf ihr Holz nicht mehr unter dem Siegel der Paneuropäischen Zertifizierung vermarkten. Hintergrund ist der massive Wildverbiss, der seit Jahren eine Naturverjüngung der Wälder verhindert.

Dies aber ist eine der grundlegenden Voraussetzungen für das Zertifikat. Ohne dieses Gütesiegel kann das Acherner Holz für viele Zwecke nicht mehr verkauft werden. Oberbürgermeister Klaus Muttach befürchtet massive finanzielle Konsequenzen.

Emotionen kochen hoch

Dies war aber nicht der Grund dafür, dass im Acherner Gemeinderat die Emotionen hochkochten. Die Räte haderten vielmehr mit Forstbezirksleiterin Yvonne Chtioui, die den Volksvertretern unverblümt klarmachte, dass sich das Problem bereits seit Jahren abzeichnet – ohne dass es gelungen sei, die Jagdpächter zu wesentlich höheren Abschusszahlen beim Rehwild zu bewegen.

Der Forst sei mehrfach auf Gemeinderat, Ortsvorsteher und Jäger zugegangen und habe Lösungsvorschläge aufgezeigt. Die seien aber „entweder abgelehnt oder nur halbherzig umgesetzt“ worden.

Mit dem Kopf durch die Wand

Edgar Gleiß, Stadtrat

Das erzeugte verärgerten Widerspruch im Gremium: Hier wolle man wohl „mit dem Kopf durch die Wand“, sagte zum Beispiel Edgar Gleiß (FW). Das gehe gar nicht, „da muss man Geduld haben“.
Die freilich ist den Verantwortlichen bei PEFC Deutschland ausgegangen.

Als dritte Kommune bundesweit wurde Achern im April das Recht entzogen, das Holz mit dem Siegel zu vermarkten. Man erlange damit „traurige Berühmtheit“, so Chtioui, die gemeinsam mit Kurt Weber, Chef der Waldservice Ortenau, versuchte, Lösungswege aufzuzeichnen.

Die Stadt, so ihre Anregung, solle Widerspruch gegen die Entscheidung einlegen, da eine völlig neue Zertifizierung erstens teuer und zweitens zeitraubend sei. Dabei dürfe es aber nicht bleiben: „Eine weitere Absichtserklärung wird nicht reichen“. Die Stadt müsse beweisen, dass sie es ernst meint mit der nachhaltigen Waldwirtschaft.

Stadt legt Widerspruch ein

Der Gemeinderat folgte dem Vorschlag, der OB wird nun Widerspruch einlegen: „Wir müssen uns ernsthaft Gedanken machen, welche Gegenmaßnahmen wir beginnen“, mahnte Oberbürgermeister Klaus Muttach.

Der Weg dahin dürfte freilich weit sein. Nach einer von der Stadt vorgelegten Aufstellung erreichen die Jagdpächter im Acherner Stadtwald gerade einmal ein Zehntel der gemeinhin als erforderlich angesehen Abschussquote beim Rehwild: Im gesamten Wald der Acherner Stadtteile wurden bei den Drückjagden der Jahre 2019/2020 nur 28 Rehe erlegt – erforderlich wären nach Angaben der Stadt zu einer Stabilisierung des Wildbestandes rund 320 geschossene Tiere. Allerdings sind die Zahlen nicht vollständig, weil sie die Schüsse vom Ansitz aus nicht erfassen.

Man darf auch Bambi schießen

Martin Siffling, Stadtrat

„Ich sage das als Grüner, dass man auch Bambi schießen kann“, kommentierte dies Stadtrat Martin Siffling, selbst von Beruf Förster. Derzeit pflanze man Bäume nach, um dann am Ende doch wieder alles verbissen vorzufinden.

In den Stadtteilen freilich scheint die Stimmung nicht ganz so eindeutig zu sein: Dass Maßnahme nicht umgesetzt würde, „dem muss ich deutlich widersprechen“, wandte sich Hans Jürgen Morgenstern (FW) gegen Kritik, und auch Neu-Stadtrat Alois Berger-Köppel (SPD) betonte: „Wir haben alles gemacht, was man machen kann“.

Ernst Kafka von den Freien Wählern sah die Intensive Waldnutzung als Problem, die Tiere würden von Spaziergängern und ihren Hunden verscheucht und suchten Schutz im Wald – „die Rehe sind auch Frustfresser“.

Zielvereinbarungen als Problem

Ortsvorsteherin Christine Rösch hingegen sah durchaus auch andere Gründe für die hohen Rehwildbestände: „Das Problem hat angefangen, als wir von den festen Abschusszahlen weggegangen sind und gesagt haben, jetzt machen wir eine Zielvereinbarung“.

„Mittelfristig braucht Achern das Zertifikat“, sagt Kurt Müller von der Waldservice Ortenau, die das Holz zahlreicher Kommunen vermarktet. Bestimmte Abnehmer gerade in der Industrie würden darauf bestehen: „Auf jedem Flyer steht irgendwo ein Zertifikat drauf“.

Eschentriebsterben verschärft Problem

Zugespitzt hatte sich das Problem in den vergangenen Jahren durch das Eschentriebsterben, das gerade entlang der Autobahn für große Kahlflächen gesorgt hatte. Deren Wiederaufforstung ist unter dem Druck des Wildverbisses enorm schwierig und teuer.

Achern ist übrigens nicht die einzige Kommune mit solchen Problemen. Auch Offenburg hatte die Wildbestände nicht in den Griff bekommen. Das änderte sich nach ABB-Informationen erst, als die Stadt die Bejagung über die Technischen Betriebe TBO in die eigene Hand genommen hatte.