Momente im Wald: Auf Reviergang

… und auch so mancher hübsche Ort, der zum Verweilen einlädt

Nicht nur zum Ansitz oder zur Drückjagd geht der Jäger in den Wald, oder wenn es Revierarbeiten zu erledigen gibt. Auch der Reviergang ist ein wichtiger Teil der Jagd.

Beim Reviergang erwarten uns Stimmungen...
Beim Reviergang erwarten uns Stimmungen…

Der Reviergang sollte nicht nur praktischen Zwecken dienen, sondern auch des Jägers Herz erfreuen. Natürlich gibt es eine Reihe praktischer Tätigkeiten, die man dabei ausführt: An welchen Hochsitzen muss etwas repariert werden? Oder welche müssen wir frei schneiden? Wie sieht es an den Kirrungen aus? Sehen wir Fährten, Losung oder andere Dinge, die auf die Anwesenheit dieser oder jener Wildart hinweisen? Wo verlaufen Wechsel?

Das sind Dinge, die der Vorbereitung des Jagderfolges dienen. Aber der Gang durch den Wald sollte mehr sein als eine Summe technischer Verrichtung. Nimm Dir Zeit und Deinen Hund oder Deine Hunde, wenn Du mehr als einen hast. Nimm Dein Eisen mit oder lasse es zuhause. Fuchs kann immer kommen, aber anderes Wild auch, überhaupt in ruhigen Revieren. Aber es muss auch nicht immer geschossen sein. Öffne Dein Herz, lass die Hektik im Auto – oder besser noch zuhause. Und dann lass es im Wald und in Deinem Herzen für eine Stunde – oder auch mehrere – Sonntag sein.

Nimm dir Zeit, in die Dickung zu schauen, indem Du den Wechsel verfolgst, der hineinführt. Findest Du Lagerstellen, Losung? Mache Dir im Geiste, in Deinem Notizbuch oder Deinem Handy einen Vermerk, wo Du eine Salzlecke anlegen, im Spätjahr kirren oder einen Hochsitz aufstellen willst. Vor allem wenn Du in dem Revier noch nicht lange jagst, solltest Du Dir Zeit nehmen, es zu entdecken. Aber auch, wo Du schon seit langen Jahren waidwerkst, lässt sich immer noch Neues entdecken. Der Wald verändert sich und damit die Wege des Wildes und seine Lieblingsplätze.

Schau auf den Boden – hier liegt Reineckes Losung, dort, an der feuchten Stelle sind Trittsiegel. Stammen sie vom Reh oder von der Sau? Wie alt mögen Sie sein? Wo kommt der Wechsel aus der Dickung und wo führt er in das Baumholz auf der anderen Seite?

Geh ruhig die schattige Schneise entlang, die von der Forststraße abzweigt, auch wenn es dort nichts zu tun und vermeintlich nichts zu sehen gibt. Atme die Luft, die der Wald für Dich mit Sauerstoff und Ruhe anreichert. Schau Deinen Hunden beim Spielen zu. Setz Dich auf den moosigen Baumstumpf, halte inne, werde ruhig und spüre den Herzschlag, das Atmen des Waldes.

… und auch so mancher hübsche Ort, der zum Verweilen einlädt
… und auch so mancher hübsche Ort, der zum Verweilen einlädt

Vielleicht gibt es eine Bach, eine Quelle, eine Brunnen in Deinem Revier? Ein herrlicher Rastplatz an einem heißen Sommertag. Lass Deine Hunde schöpfen und verbringe Zeit hier. Es ist herrlich, den einen oder anderen Lieblingsplatz im Revier zu haben. Zum Innehalten, Schauen, Staunen und sich freuen, dass man auf der Welt und ein Jäger sein darf.

Geh zu den verschiedenen Jahreszeiten und bei unterschiedlichem Wetter, zu unterschiedlichen Tageszeiten in den Wald. Wenn das Licht grün und golden durch das Blätterdach flirrt, ist er schön unser Wald. Aber fast noch schöner ist er im Regen, nie ist sein Grün so satt wie an einem grauen, feuchten Tag im Sommer.

Im Herbst erzählt der Wald vom Abschied, aber es klingt die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit. Schau, die Knospen am Holz warten jetzt schon auf das Frühjahr. Den ganzen Winter. Auch bei klirrender Kälte ist der Wald schön, am Morgen, am Abend, aber auch tagsüber – im gleißenden Sonnenschein oder im Nebelgrau. Wenn das Frühjahr kommt, wirst Du als erste Blätter die des Holunders entdecken, der vorwitzig ausschlägt, kaum das Buschwindröschen und Leberblümchen blühen.

Im Winter, solange noch Schnee liegt, siehst Du die Fährten Deiner Rehe und Sauen. Im April suchst Du die Fegestellen und planst den Ansitz in aller Herrgottsfrühe des ersten Maitages. Finde die Suhlen des Schwarzwildes, die Einstände der Rehe und sieh auch dem Habicht nach, der wie ein Kampfjet zwischen den Stämmen des Altholzes hindurch navigiert. Beobachte den Kleiber am abgebrochen Stumpf der alten Fichte, lausche der Arbeit des Spechtes und entdecke den Jungfuchs, der vorwitzig um die Ecke kommt.

Und wenn Du heimgehst, nimm die Ruhe und Tiefe des Waldes mit in Deinen Alltag. Du stiehlst sie ihm nicht. Er hat genug davon, für jeden, der davon mitnehmen möchte.

Volker Wollny