Naturschutz:Jagd ohne Blei

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Ein Seeadler im Anflug. Die imposanten Greifvögel fressen auch Kadaverreste erlegter Hirschen, Rehe und Wildschweine, die mit bleihaltiger Munition geschossen worden sind. Deshalb erleiden Seeadler oft tödliche Vergiftungen. (Foto: Imago)

 
 
 

Staatsförster und -jäger verzichten künftig in ausgewählten Regionen auf giftige Munition. Damit sollen vor allem Greifvögel besser geschützt werden.

Der Seeadler ist der mächtigste Greifvogel Mitteleuropas. Mit bis zu 2,5 Meter Flügelspannweite gleitet er majestätisch durch die Luft. Außer an der imposanten Größe erkennt man ihn gut an seinem gelben Schnabel, dem hellen Kopf und dem weißen Schwanz. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der Seeadler weit verbreitet in Bayern. Dann wurde er wie so viele andere Raubtiere ausgerottet. Seit einigen Jahren brüten wieder Seeadler im Freistaat – auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr etwa, am Altmühlsee oder am unteren Inn.

Allein die Population kommt nicht recht voran, zuletzt waren laut Landesbund für Vogelschutz (LBV) bayernweit nur 23 Seeadler-Reviere bekannt. Ein Grund der zögerlichen Ausbreitung: Viele Seeadler sterben an Bleivergiftungen. Das hat mit der Bleimunition zu tun, welche die meisten Jäger benützen. Die Seeadler ziehen sich die tödlichen Vergiftungen zu, wenn sie Kadaverteile von Wildtieren fressen, die mit bleihaltiger Munition erlegt worden sind.

Die Vogelschützer und die Bayerischen Staatsforsten (BaySF) haben sich jetzt darauf geeinigt, dass die Staatsförster und -jäger in ausgewählten Regionen auf bleihaltige Munition verzichten werden. Denn es sterben ja nicht nur Seeadler an Bleivergiftungen. Sondern in den bayerischen Alpen auch viele, ebenfalls sehr seltene und streng geschützte Steinadler. Und für Bartgeier, die der LBV gemeinsam mit dem Nationalpark Berchtesgaden wieder in den bayerischen Alpen heimisch machen will, sind Bleivergiftungen ebenfalls eine immense Gefahr.

Außerdem wollen die Staatsförster und -jäger nicht für den menschlichen Verzehr geeignete Kadaver oder Überreste von Hirschen, Rehen und in den Bergen auch von Gämsen in bekannten Greifvogelrevieren liegen lassen. Damit sollen nicht nur die See- und die Steinadler und künftig auch die Bartgeier eine bessere Nahrungsgrundlage bekommen. Sondern auch alle möglichen Insekten und anderen Vögel, wie Raben, Krähen oder Elstern, die ebenfalls Kadaver fressen. „Aber vor allem wird das den jungen Seeadlern über die ersten Lebensjahre helfen“, sagt LBV-Chef Norbert Schäffer. „Sie haben noch wenig Jagderfahrung, die Chancen, dass sie sich etablieren, verbessern sich mit dem Projekt sehr.“

Die Jagd mit Bleimunition ist schon seit vielen Jahren umstritten. Schließlich sind die schlimmen Folgen längst bekannt. Blei ist ein extrem starkes Gift, nicht nur für Tiere, sondern auch für den Menschen. Der Stoff reichert sich im Körper an und führt zu immer stärkeren Vergiftungserscheinungen. Laut LBV-Chef Norbert Schäffer ist dies der Grund, warum es keinen Grenzwert für Blei etwa in Fleisch gibt. „Denn es darf dort überhaupt nicht enthalten sein“, sagt er. „Schon winzige Mengen können schlimme Auswirkungen haben.“ Das Gift schädigt das Nervensystem der Greifvögel. Außerdem führt es zum Abbau ihrer Brustmuskulatur, sodass sie immer schlechter fliegen können. Letztlich gehen sie dann an Atemnot und Nährstoffmangel ein.

Gleichwohl wollen viele Jäger nicht auf bleihaltige Munition verzichten. Aus ihrer Sicht fehlen die Alternativen. Bleifreie Munition sei weniger treffsicher, sagen sie, vor allem auf weitere Distanzen und bei größeren Wildtieren. Oberstes Gebot für einen jeden Jäger ist aber der sichere Schuss, bei dem das jeweilige Tier sofort tot ist, um eine jede Tierquälerei auszuschließen. Dabei ist es längst erwiesen, dass Jagd auch mit bleifreier Munition funktioniert. Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr und anderen Flächen, die dem Bund unterstehen, ist Bleimunition schon lange untersagt. Auch in Baden-Württemberg, in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein dürfen die Jäger sie nicht verwenden. Auch in der EU und auf Bundesebene laufen seit geraumer Zeit Bestrebungen, bleihaltige Munition generell zu verbieten.

Bis der Verzicht der BaySF Wirklichkeit wird, dauert es aber noch. Zunächst einmal wollen LBV und Staatsforsten die Regionen definieren, in denen sie tabu sein wird. Beim Seeadler werden das große Teile Mittel- und Oberfrankens und der Oberpfalz sein, kündigte Staatsforsten-Chef Martin Neumeyer an, dazu ausgewählte Gebiete in Oberbayern. Am Steinadler- und am Bartgeier-Schutz werden sich sämtliche Forstbetriebe in den bayerischen Bergen beteiligen. Die Steinadler dort sind der nördlicheste Ausläufer der Population in den Alpen. Die Greifvögel sind etwas kleiner als die Seeadler, aber nicht weniger imposant. Zwar sind aktuell alle bekannten Steinadler-Reviere in den bayerischen Bergen besetzt. Gleichwohl sind die Bruterfolge so gering, dass sich die Art dort nur deshalb hält, weil immer wieder Jungtiere aus den Zentralalpen zuziehen.