Weidmannsheil: Auf der Jagd im Holzrevier

Im November beginnt die Zeit der Gesellschaftsjagden. Was den Schützen zwischen Wusterwitz und der Landesgrenze vor die Flinten lief, erstaunte selbst alte Hasen. Wildschweine waren es nicht.

Wusterwitz – Obertreiber Dieter Hausmann schwenkt den rechten Arm nach Osten: „Weiter!“ Die mit Signalwesten bekleideten Jagdhelfer arbeiten sich durch junge Eichen. Sie rufen: „Hopp, hopp, hopp!“ oder „Ho, ho, ho!“ Äste knacken unter den Füßen, Zweige schlagen ins Gesicht. Nachtfrost hat die trockenen Blätter mit Reif überzogen, der im Sonnenlicht wie Diamantstaub glitzert. „Sauen!“ – Ein lauter Ruf des linken Flügelmannes lässt die Treiberkette innehalten. Wo wird das Schwarzwild aus der Dickung brechen? Im selben Moment erkennt Mathias Bölke seinen Irrtum. Das mächtige Getrampel vor ihm geht nicht auf das Konto einer Rotte Schweine.

Was hochflüchtig aus dem Versteck im Wusterwitzer Holzrevier springt, ist Rotwild. Ein Rudel, wie es der Treiber aus Kirchmöser noch nie mit eigenen Augen gesehen hat. An die 20 Jung- und Alttiere durchbrechen die Menschenkette, um im Rücken der Jagdhelfer einen Halbkreis zu ziehen. Doch ein Zurück kommt für die scheuen Tiere nicht in Frage. Das Rudel dreht zur Seite ab, wo der Wald zu Ende geht – und Jäger warten. Erste Schüssen fallen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand von den 30 Schützen und rund 20 Treibern, dass am Ende der Drückjagd fünf Stücken Rotwild auf Tannengrün gebettet werden. Für die lokalen Veranstalter eine außergewöhnliche Strecke. Denn Wusterwitz gilt für diese Wildart nicht als Einstandsrevier.

Zehnender erlegt

„Solch einen Anblick haben wir bei uns noch nicht erlebt“, meinte Jagdleiter Jürgen Engel bei der Abschlusszeremonie vor der Jagdhütte der Pächtergemeinschaft. Mit einem kräftigen „Weidmannsheil!“ beglückwünschte Engel zunächst Wilfried Winkler, der das stärkste Tier erlegte. Ihm lief ein Zehnender aus dem flüchtigen Rudel vor die Flinte. Das Jagdglück blieb unter anderem Bernd Pankow treu. Der Weidmann aus der Prignitz gehört seit vielen Jahren zu den Jagdgästen. 2017 gingen sieben Schweine auf sein Konto. In diesem Jahr steuerte er ein stattliches weibliches Alttier aus dem Rotwildrudel zur Strecke bei.

Die Hoffnung auf eine Dezimierung des Schwarzwildes erfüllte sich hingegen nicht. Eigentlich fühlt es sich in den ausgedehnten Forsten zwischen Wusterwitz und der Landesgrenze bei Kade wohl. Nur zwei Jungtiere wurden in die ewigen Jagdgründe geschickt. Für seinen Überläufer bekam Guido Grigat den traditionellen Schützenbruch überreicht. Das ist ein kleiner Zweig, der den Hut des erfolgreichen Jägers schmückt. Grigat konnte außerdem einen der beiden Füchse erlegen, die die Drückjagd nicht überlebt haben. Als einziger Jäger erlegte Helmut Hans ein Stück Rehwild.

Warum sich die Schweine in diesem Jahr rar machten, war unter anderem Thema beim Schüsseltreiben. Bei Kartoffelsuppe und Bockwurst wurde darüber spekuliert, warum selbst in den sonst vielversprechenden Torflöchern der Erfolg ausblieb. Die ausgebufften Allesfresser sind eben heute hier und morgen dort. Das weiß auch Hans Kuchenbecker, der mit 84 Jahren dienstälteste Weidmann auf der gut dreistündigen Drückjagd. Diesmal lief selbst dem erfahrenen Hasen keine Sau vor die Flinte. Dafür machte die Münsterländer-Hündin Paula von Jagdleiter Engel die unliebsame Bekanntschaft mit einem angriffslustigen Überläufer.

Jagdhündin verletzt

Das junge Wildschwein setzte die Hündin mit einem Biss außer Gefecht, so dass Paula tierärztlich versorgt werden musste. Ein bedauerlicher Zwischenfall, der passieren kann. Ganz oben für die Veranstalter steht die Unversehrtheit der Schützen und Treiber. Denn auch für die 54. Hubertusjagd in Wusterwitz galt: Sicherheit geht vor Jagderfolg. „Mir fällt jedesmal ein Stein vom Herzen, wenn alle Teilnehmer gesund und munter zurück sind“, sagte Engel der MAZ.