Wie die Abschussprämie für Wildschweine die Jagd beeinflusst

Die Abschussprämie für Wildschweine macht die aktuelle Brandenburger Jagdsaison zu einer besonderen. Doch Jäger Mark Weinholz aus Christinendorf ist skeptisch. „Wir können sowieso nicht mehr Tiere schießen“, sagt er. Die MAZ hat ihn auf der Pirsch begleitet.

Mark Weinholz sitzt auf einem Hochsitz. Mit einem Fernglas beobachtet er die Umgebung. Sein Blick gleitet über das braune Schilf und den grünen Acker, auf den sich in der Dämmerung Nebelschwaden gelegt haben.

Drei Windräder und der Verkehr der Bundesstraße 246 beschallen die Feldwege. Ansonsten ist es still. Plötzlich tritt ein Reh aus einem Waldstück und bewegt sich Richtung Schilf. „Es ist zu weit entfernt“, sagt Weinholz. Der Lasersensor seines Fernglases zeigt eine Distanz von 187 Metern zum Tier. „Mit meiner Waffe bin ich auf Tiere zwischen 80 und 150 Metern eingeschossen. Alles darüber lasse ich laufen“, sagt der 55-Jährige.

Weinholz ist Jäger aus Christinendorf (Teltow-Fläming). Vor zehn Jahren ist er mit seiner Familie in den Trebbiner Ortsteil gezogen. Seitdem er dort ist, geht er so oft wie möglich seiner Leidenschaft nach. „Ich bin gelernter Diplom-Kaufmann. Das Geld, das ich in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft verdiene, investiere ich in meine Familie und in meine Passion, die Jagd“, sagt er.

Weinholz ist in und um Christinendorf mit seinem grünen Geländewagen unterwegs. 800 Hektar umfasst sein Revier, eine Fläche so groß wie 1100 Fußballfelder.

„Jäger hetzen nicht den ganzen Tag mit dem Gewehr durch die Felder“

Hier hat er alle Hände voll zu tun. Täglich spricht er mit Landwirten über ihre Äcker. Vor allem, wenn sie ihm Wildschäden melden, die er begutachtet und interpretiert: „Als Jäger muss ich die Flora und Fauna meines Reviers kennen und immer im Blick haben“, sagt er.

Wie pflanzen sich die Tiere fort? Welche Probleme haben sie? Haben sie genug Rückzugsorte? Auch das Pflanzen von Bäumen, Anbringen von Vogelhäusern sowie das Anlegen von Hecken und Wildäckern gehören zu seinen Aufgaben.

„Viele Menschen denken, dass Jäger den ganzen Tag mit dem Gewehr im Anschlag durch die Felder hetzen. Dabei macht die Revierpflege den Großteil unserer Arbeit aus“, sagt Weinholz.

Nicht nur der Wolf bedroht die Tiere in seinem Gebiet

Natürlich gehört die Jagd auch zu seinen Aufgaben, um den Wildtierbestand in seinem Revier zu beeinflussen. Um Christinendorf herum beobachtet er besonders häufig Wildschweine, Rehe und Damwild.

Auch immer mehr gebietsfremde Tiere sieht er durch sein Fernglas: „Marder, Waschbären und Amerikanischer Nerz breiten sich immer weiter aus und verdrängen das heimische Wild, bedrohen den Bestand.“

Dafür sorgt auch Weinholz’ „Lieblingstier“: der Wolf. Regelmäßig begegnen ihm Einzeltiere und Rudel. Das macht ihm als Jäger große Sorgen: „Als Raubtier verunsichert der Wolf alle anderen Wildtiere und übernimmt meine Aufgabe, indem er sie jagt“, sagt Weinholz.

„Der Wolf hat keine natürlichen Feinde in Brandenburg“

Er schätzt den Wolf als hochintelligentes Tier, das in Brandenburg heimisch, aber eben ein Raubtier ist. „Egal ob Nutztiere von Landwirten oder Wildtiere in meinem Revier: Der Wolf hat außer Autos und Zügen keine natürlichen Feinde. Er hat seine Scheu verloren und weiß, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht“, erzählt der 55-Jährige.

Schießen darf er Wölfe nicht, da das Tier in Deutschland unter Artenschutz steht. „Die aktuelle Population in Brandenburg liegt weit über dem gesunden Erhaltungsmaß. Südbrandenburg ist Wolfsland“, sagt Weinholz. Wildschweinland ebenso.

Afrikanische Schweinepest bereitet Jäger Sorgen

Während sich die Sonne am Horizont langsam verabschiedet, wandern rund 170 Meter vom Hochsitz entfernt Wildschweine durch das hohe Gras. Weinholz sieht die Rotte nicht, aber sehr wohl die Dampfwolke, mit der er ihre Bewegungen durch das etwa vier Grad kalte Feld verfolgen kann.

Wie viel Schwarzwild es genau im Landkreis Teltow-Fläming gibt, weiß er nicht. Dass es in seinem Revier nicht an Wildschweinen mangelt, ist er sich hingegen sicher – wie in ganz Brandenburg, wo schätzungsweise rund 230 000 Tiere leben.

Viele Wildschweine, viel zu schießen? Was an sich für Jäger wie Weinholz positiv scheint, bereitet ihm mit Blick auf die Afrikanische Schweinepest (ASP) Sorgen, die sich in Polen, im Baltikum und in Rumänien immer weiter ausbreitet: „Wenn diese für Wild- und Hausschweine unheilbare und hoch ansteckende Seuche in Deutschland ausbricht, könnte das den Bestand an Wildschweinen um 90 Prozent dezimieren“, mutmaßt er. „Woher nehmen wir dann eines der gefragtesten Lebensmittel des Landes?“ Mit der Seuche infizierte Tiere hat er in seinem Revier noch nicht entdeckt.

Welche Tiere er nicht schießt

Mit der Abschussprämie für Wildschweine, die aufgrund der ASP-Gefahr vorbeugend in Brandenburg seit 1. April eingeführt wurde, kann Weinholz nichts anfangen: „Schon vor der Prämie habe ich bei den Jagden so viele Wildschweine erlegt, wie es für mich möglich war. Wie sollen Jäger noch mehr schießen? Wir haben doch für die Jagd dieselbe begrenzte Zeit wie vorher“, sagt Weinholz.

Pro Jagd ist der gebürtige Westberliner meist zweieinhalb bis drei Stunden unterwegs. Dann begibt er sich entweder eine Stunde vor Sonnenaufgang oder rund anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang auf einen Hochsitz in seinem Revier.

Dabei schießt er nicht jedes Tier: „Ich schieße keine Muttertiere und die Jungtiere genauso wenig, wenn sie gerade zusammen unterwegs sind“, sagt er. Auch Hasen und Fasane seien für ihn kein Thema. „Die haben es in meinem Revier sowieso schwer genug. Da freue ich mich eher, wenn ich sie beobachten kann.“

Jagd eint die Familie

Auf der Jagd ist er nie allein. Wenn ihn nicht Balu oder Puma, einer seiner Hunde, begleiten, sind seine Frau oder seine Töchter dabei. Sie alle hat er mit seiner Begeisterung für die Jagd angesteckt und als Lehrgangsleiter der Kreisjagdschule Teltow-Fläming selbst zu Jägerinnen ausgebildet.

„Jäger sein dominiert mein Leben. Das verlangt eine enorme Toleranz in der eigenen Familie, die muss mich in dem, was ich mache, verstehen und unterstützen. Dafür bin ich unendlich dankbar“, sagt er. Das Jagen eint die Familie. Zusammen sind sie schon in Spanien, Schweden und Südafrika unterwegs gewesen. Der Einklang mit der Natur, ihre Zusammenhänge, die beständige Tradition und die Heimatverbundenheit macht die Jagd für sie so reizvoll.

Besonders zu den USA hat Weinholz eine besondere Beziehung. „Im US-Bundesstaat Nebraska habe ich im Rahmen eines Schüleraustauschs im Jahr 1981 meine Leidenschaft für das Jagen entdeckt“, erzählt Weinholz.

Jagd auch ohne Schuss ein Erfolg

Eine halbe Stunde, nachdem die Sonne komplett untergegangen ist und der Mond Feldwege und Äcker mit seinem weißen Licht geflutet hat, ist die Jagd an diesem Tag für Mark Weinholz beendet.

Dass er kein Tier geschossen hat, ist für ihn kein Problem. „Ich erlege sowieso nur bei einer von zehn Jagden Wild“, sagt er. Ein Erfolg war die Jagd für ihn an diesem Novembertag trotzdem: „Schon als Kind war es das Schönste für mich, in Feld und Flur unterwegs zu sein, Tiere und Natur zu beobachten. Das ist es weiterhin und wird es immer bleiben.“