Wie junge Jäger plötzlich zu Influencern werden

Ein Tutorial über das Zerlegen von Wildtieren, die Pirschjagd über Weizenfelder, Waffenmunition: Das alles zeigen junge Jäger auf Instagram oder Facebook. Sie wollen „die Jagd zeigen, wie sie ist“. Damit ecken sie durchaus an.

Eine Rotte Wildschweine flitzt durchs Bild. Behandschuhte Finger schieben Patronen in einen Gewehrlauf. Es kracht ein Schuss. Rouven Kreienmeier ist auf Jagd. Und daran lässt er im Netz Tausende Follower teilhaben. Fast 13.000 Menschen haben seinen YouTube-Kanal JagenNRW abonniert oder folgen ihm bei Instagram. Der 26-Jährige hat es nicht nur auf Rehe und Frischlinge abgesehen, in seinem Heimatrevier im Eggegebirge bei Paderborn jagt er auch den perfekten Bildern hinterher, die seine Leidenschaft repräsentieren sollen: der Blick eines Rehs direkt in seine Kamera, Drohnenflüge über wolkenverhangene Baumwipfel, das erlegte Tier im Herbstlaub.

„Ich will die Jagd zeigen, wie sie ist“, sagt Kreienmeier. Ein Satz, der immer wieder fällt, spricht man mit Mitstreitern der inzwischen regen Jagdbloggerszene. Ab dem 28.1. treffen etliche Vertreter dieser jungen Jägergeneration auf Europas größter Jagdmesse zusammen: Die Jagd und Hund in Dortmund hat den internetaffinen Jagdbotschaftern dort ein eigenes „Social Media Revier“ eingerichtet.

Den Themen Wild, Wald und Waidmannsheil widmen sich längst etliche Instagram- und Facebook-Accounts sowie YouTube-Kanäle: Jägerinnen mit geröteten Wangen zeigen dort, dass das Hobby keine Männerdomäne ist. Kernige Jungs zeigen im Tutorial, wie man ein Stück Wild zerlegt. Mit fast 100.000 Followern betreiben die „Hunter Brothers“ aus Mecklenburg Vorpommern den wohl erfolgreichsten deutschen YouTube-Kanal für Jagdfilme. Der Renner sind etwa ihre Clips über „Weizenschweine“: Dabei pirschen sie durch Weizenfelder und erlegen Schwarzwild – drei Millionen Aufrufe gab’s dafür in nur einem Jahr.

Wer im Netz eine Zielgruppe erreicht, wird auch für Marken interessant. Viele mittelständische Unternehmen für Ausrüstung oder Jägermode seien gerade erst dabei, das Netz als Werbeplattform zu erschließen, sagt Lars Kruse. Er ist Inhaber der Agentur Outfluence, die Unternehmen aus dem Outdoorbereich mit passenden Influencern zusammenbringt – ein Teil davon sind Jäger. Die jagende Szene sei klein, aber in ihrer Wirkung sehr punktgenau, sagt Kruse. Nämlich dort, wo junge Jagdneulinge ihre Erstausstattung brauchen.

Und doch gibt es gewaltige Unterschiede, wenn man als Modequeen Lippenstifte anpreist oder als Jungjäger für Munition wirbt: Man kann anecken, mit dem was man tut: „Jagd ist immer auch ein heikles Thema“, sagt Kruse. Tote Tiere, Waffeneinsatz – all das mache Jäger zum regelmäßig attackierten Ziel der Hass- und Schmähkommentare von Jagdgegnern. Es komme sehr darauf an, drastische Bilder zu meiden.

Bei dem Thema sind zudem die Verdienstmöglichkeiten eingeschränkt: YouTube sperre manche Jagdvideos, schalte keine Werbung davor, sodass es für die Klicks kein Geld gibt, oder versehe sie mit Altersbeschränkungen, berichten die „Hunter Brothers“ und andere. Aus Sorge, die Plattform könne Jagdvideos irgendwann ganz verbieten, haben mehrere reichweitenstarke Blogger vor einem Jahr den Bezahlstreamingdienst Hunt on Demand aufgesetzt. Für acht Euro im Monat versprechen die Macher die besten Jagdvideos im Netz. Mehr als 5000 zahlende Abonnenten gibt es derzeit.

Ohne einen Ehrenkodex für Social Media geht’s nicht

Auch der Deutsche Jagdverband hat erkannt, dass nachwachsende Generationen von Jägern im Netz zu begeistern sind, und ist dort selbst aktiv. Doch die Bildwelten können auch ein Fluch sein, wie DJV-Sprecher Torsten Reinwald berichtet. „Wir haben die Erfahrung machen müssen, dass junge Jäger nicht immer darüber nachdenken, was sie ins Netz stellen, und erst recht nicht darüber, wie das auf Nichtjäger wirkt“, sagt er. Erlegte Tiere, Posieren mit Trophäen, Jägersprache – all das könne für Nichtjäger befremdlich bis abstoßend wirken.

Unter dem Stichwort „Waidgerechtigkeit 2.0“, also der Übertragung des tradierten Ehrenkodex der Jäger in das Internetzeitalter, hat der DJV deswegen Leitlinien entwickelt, die die Social-Media-Jäger zur Vorsicht mahnen: Würde ich das, was ich hochlade, auch einem Nichtjäger beim Frühstück unter die Nase halten?

Für Kreienmeier ist es kein Tabu, zu zeigen, was passiert: Der Mensch tötet ein Tier. „Aber mit höchster Professionalität, ethisch korrekt und gesetzeskonform und immer mit Kontext“, sagt er. „Jagd hat in unserer Kulturlandschaft einen Zweck, das muss ich auch erklären“, sagt er. Wildbestände eindämmen, Tiere verwerten zum Beispiel. „Die Kugel kommt für das Tier unvorbereitet. Wer Fleisch essen will, der kann das in Kauf nehmen. Das ist allemal besser als Massentierhaltung.“

Kreienmeier möchte als Jagdfilmemacher sein Geld verdienen – sein Influencer-Auftritt in den sozialen Medien und bei Hunt on Demand ist bereits ein wichtiges Standbein. Er sei froh, dass so viele Jäger im Internet für ihre Jagdleidenschaft einstehen: „Die Jagd hat sich früher mehr versteckt, sodass Außenstehende das Gefühl bekommen konnten, da läuft vielleicht was schief. Die Jagd wird durch soziale Medien transparenter“, sagt er. „Dafür müssen wir dann manchmal auch selbst mehr reflektieren und erklären“, fügt er hinzu.