«Wir streben in der Tat eine Digitalisierung der Jagd an»

Peter Scheibler, Chef der Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere

Für Peter Scheibler stehen mit dem Beginn der Hochjagd ­intensive Wochen bevor. Im Interview spricht der Chef der Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere über die Vorbereitung, die Digitalisierung ­seiner Dienststelle und warum er lieber mehr Gämsen und weniger Rotwild im Wallis hätte.

Peter Scheibler, am 23. September beginnt im Wallis die Hochjagd. Sind Sie und Ihre Dienststelle bereit?

Ja, das sind wir. Derzeit sind wir mit Hochdruck daran, den Jägerinnen und Jägern die Patente zuzustellen. Bislang haben etwa 2000 jagdberechtigte Personen ein Patent bestellt. Wir gehen davon aus, dass bis zum Schluss inklusive Spezialpatente etwa 2700 ausgestellt werden, womit wir uns im Schnitt der letzten Jahre bewegen.

Seit einiger Zeit können Jagdpatente online ­bestellt werden. Wie geht es mit diesem ­Digitalisierungsschritt bei Ihrer Dienststelle vorwärts?

Das Angebot der Online-Bestellung von Jagd­patenten stösst auf zunehmendes Interesse. Dieses Jahr haben bisher etwa 20 Prozent der Jägerinnen und Jäger ihr Patent online gelöst; im letzten Jahr waren es 2 Prozent.

Das Lösen der Patente ist das eine, die Ausstellung das andere. Wann werden die Walliser Jäger sämtliche bürokratischen Angelegenheiten rund um die Jagd digital abwickeln können?

In der Tat streben wir eine zunehmende Digitalisierung der Jagd an. Gerade jetzt, da wir rund 2400 Jagdpatente fast gleichzeitig per Post den ­Jägern zustellen müssen, ist der Arbeitsaufwand enorm. Er ist sogar so gross, dass wir zur Unter­stützung unserer Sachbearbeiterinnen auch Wildhüter hinzuziehen müssen, damit alle Jägerinnen und Jäger ihre Dokumente rechtzeitig erhalten. Daher arbeiten wir intensiv daran, dass wir nicht nur für die Bestellung, sondern auch für die Ausstellung der Patente eine digitale Lösung finden können.

Heisst das, dass die Jäger ihre Abschüsse und Patente schon bald auf dem Smartphone verwalten können?

Das ist das Ziel. Einerseits würde das wie gesagt unsere Dienststelle bürokratisch entlasten und es würde unsere statistische Erfassung der Abschüsse, gerade bei den kleineren Tierarten, vereinfachen. Andererseits hätte eine «Jagd-App» aber auch für die Jägerinnen und Jäger viele Vorteile. Eine solche App wäre dann das neue Kontrollbüchlein der Jägerschaft, wo sie die geschossenen Tiere eintragen und ihre Patente verwalten können. Es gäbe für sie weniger Papierkram zu erledigen. Dann wäre aber auch eine viel grössere Flexibilität möglich.

Inwiefern?

Wenn eine jagdberechtigte Person erst am ­Wochenende vor Jagdbeginn erfährt, dass sie sich für die Jagd nun doch frei nehmen kann, oder zum Beispiel ein prachtvoller Hirsch die Jagdpassion weckt, aber bisher kein Patent gelöst wurde, so könnte sie dies direkt über die App machen und bekäme auch umgehend das Patent ausgestellt, ­sodass sie am Montag jagen gehen könnte. Eine solche Flexibilität ist heute, wo die Ausstellung der Patente über den Postweg erfolgt, natürlich nicht möglich. Ähnliche Ziele verfolgen wir auch bei den Fischereipatenten.

Und wann wird es so weit sein?

Derzeit sind wir dabei, die entsprechenden Apps zu entwickeln, beziehungsweise zu beschaffen. Ich hoffe, dass wir die Apps in zwei Jahren lancieren können. Bis aber sämtliche Jäger umgestiegen sind, wird es doch noch einiges länger dauern, zwingen wollen wir die Jäger und Fischer nämlich nicht. Bei der Fischerei hoffen wir, dass wir schon im kommenden Jahr so weit sind.

Reden wir über die anstehende Jagd. In den letzten Jahren musste immer wieder nach­gejagt werden. Gleichzeitig sagen Sie, dass es genug Jägerinnen und Jäger im Wallis gibt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Dazu muss ich etwas ausholen. Unsere Rotwild­bestände, im Oberwallis beispielsweise gibt es etwa 3500 Hirsche, sind nach wie vor sehr hoch. So hoch, dass wir sie nicht nur stabilisieren, sondern reduzieren müssen. Unser Jagdsystem ist jedoch nicht dafür ausgelegt, die nötigen Reduktionen im heute notwendigen Umfang zu erzielen. Einerseits dauert die Hochjagd nur zwölf Tage, das ist kurz. Dann gibt es im Kanton rotwild-relevante Jagdbanngebiete und die Jägerinnen und Jäger haben es mit einer anspruchsvollen Topografie zu tun. Aufgrund all dieser Faktoren denke ich, dass es in den kommenden zwei bis drei Jahren zumindest regional nicht möglich sein wird, die nötige Reduktion der Rotwildbestände zu erreichen, ohne eine Nachjagd zu lancieren. Die Anzahl Jäger und Jägerinnen im Kanton ist dabei nicht so entscheidend. Da die Jagd in einem Fünf-Jahres-Beschluss (der nächste steht im Jahr 2021 an, Anm. d. Red.) geplant wird, können wir aber auch nicht einfach sagen: Die Hochjagd dauert jetzt vier Wochen. Zudem müssen wir auch immer im Blick haben, dass die Jagd etwas sehr Traditionelles ist. Veränderungen sind daher nicht immer so leicht umzusetzen und müssen mit den Jägerinnen und Jägern im Vorfeld umfassend diskutiert werden, damit ein Jagdsystem funktionieren kann. Ich bin aber überzeugt, dass wir in wenigen Jahren dieses System gemeinsam finden, um die Rotwildbestände auf den Stand zu bringen, sodass Nachjagden nur noch ausnahmsweise nötig sein werden.

Stichwort Banngebiete. Ihre Dienststelle ­befindet sich in einem Rechtsstreit mit Pro ­Natura. Sie wollten das Banngebiet ­Aletschwald teilweise für die Jagd öffnen, der Umweltverband wehrt sich dagegen.

Die Situation im Aletschwald ist dahingehend speziell, dass es das erste Mal ist, dass wir und nun auch das Bundesgericht uns mit Beschwerden, die gegen eine Teilöffnung eines eidgenössischen Jagdbanngebiets gerichtet sind, befassen müssen. Solche Teilöffnungen gab es an anderen Orten schon oft, immer in Absprache mit dem Bundesamt für Umwelt. Nun aber müssen die Richter in Lausanne einen Grundsatzentscheid fällen, ob eine solche Teilöffnung legitim ist oder halt nicht.

Sie halten aber daran fest, dass eine Jagd im Aletschwald zwingend nötig ist?

Definitiv. Das Problem ist, dass die ansässigen ­Tiere, die sich während der Jagd ins Banngebiet zurückziehen, während des Rests des Jahres in den Schutzwäldern rund um die Riederalp grosse Schäden an den Bäumen anrichten. Das ist eine Situation, die zügig korrigiert werden muss. Denn in keinem anderen Gebiet ist die Problematik der Verbissschäden so gross wie in der Region Riederalp. Deshalb stützt uns auch der Bund, der in der Angelegenheit derselben Ansicht ist wie wir. Aber schlussendlich wird das Bundesgericht entscheiden. Die Dienststelle hat sich in Anbetracht dieser Problematik trotz des laufenden Beschwerdeverfahrens entschlossen, auch für das Jahr 2019 dem Staatsrat die Öffnung eines Teils des Banngebiets Aletsch zu unterbreiten.

Was wäre, wenn Sie verlieren würden?

Bei der nun hängigen Gerichtsbeschwerde sind verschiedene Fragen offen. Insbesondere aber auch die Frage, ob Jägerinnen und Jäger in einem Banngebiet Regulationen machen können oder ob dies den Wildhütern vorbehalten ist. Sollte das Bundesgericht zum Schluss kommen, dass nur Wildhüter in Banngebieten Abschüsse vornehmen dürfen, wäre dies ein grosses Problem. Unsere Bemühungen, den Hirschbestand zu reduzieren, würden massiv zurückgeworfen, wenn nicht sogar verunmöglicht. In diesem Fall müssten wir viel mehr Berufs- und Hilfswildhüter haben, was schon fast in Richtung einer Beamtenjagd, wie sie der Kanton Genf kennt, gehen würde. Ich bin aber überzeugt, dass wir auch hier die bestmögliche ­Lösung, welche möglichst allen Interessen Rechnung trägt, finden werden.

Reden wir über die anderen Tierarten. Eigentlich gibt es von den meisten im Wallis einen Überfluss, den Sie bewirtschaften können. Nur bei den Gämsen sieht es anders aus.

Der Bestand der Gämsen ist zwar stabil, jedoch auf einem regional sehr unterschiedlichen zum Teil eher tiefen Niveau. Daher wünsche ich mir tatsächlich mehr Gämsen im Wallis. Die Gämsen sind teilweise durch die hohen Bestände an Rot- und Steinwild unter Druck geraten, weshalb es auch aus diesem Grund angezeigt ist, diese Bestände zu reduzieren, um einen Ausgleich zwischen den ­Arten zu schaffen. Das Angenehme an den Gämsen ist, dass sie sehr unkompliziert sind, auch was Wildschäden betrifft. Mit ihnen hat man wenig Probleme.

Von den Beutetieren zu den Grossraubtieren. Vor einigen Wochen streifte ein Bär durchs Oberwallis, letzte Woche wurde im Chablais ein neues Wolfsrudel entdeckt. Kritik an Ihnen lässt dann nicht lange auf sich warten.

Wie geht es Ihnen in solchen Momenten?

Die Thematik der Grossraubtiere beschäftigt mich nun schon seit vielen Jahren. Damals hatte ich noch die Hoffnung, dass es eine Art Annäherung der beiden Lager geben würde. Heute stelle ich aber fest: Es gibt die Gegner, es gibt die Befürworter und dazwischen gibt es nichts, ausser die sich mit diesen Fragen zu befassenden kantonalen Dienststellen. Ich persönlich versuche immer rein faktenbasiert und neutral zu bleiben, wenn das Thema Grossraubtiere aufkommt. Aber es ist klar: Das Auftauchen eines Bärs oder Wolfsrisse sind für mich und meine Mitarbeiter immer mit viel Arbeit verbunden. Deshalb lösen Grossraubtiere bei mir schon ein komisches Gefühl aus. Nicht weil ich für oder gegen sie bin, sondern weil es einfach Stress bedeutet, insbesondere wenn es am Wochenende zu Sichtungen oder Ereignissen kommt. Dies ist oft der Fall, weil entsprechend viele Leute unterwegs und die Chancen für eine Sichtung oder die Feststellung eines Ereignisses entsprechend hoch sind. So war es auch beim Bär. Ich war gerade auf dem Genfersee am Fischen, als die Meldung kam. Mit der Ruhe war es natürlich vorbei und es ist entsprechend schwieriger, an diesen Tagen die notwendigen Leute, welche für eine korrekte Information der Bevölkerung und der Behörden erforderlich sind, zusammenzubringen. Ich kann aber zum Glück auf sehr motivierte Mitarbeiter und auf einen gut organisierten und kompetenten Informationsdienst des Kantons zurückgreifen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen. Ich habe gelernt, mit diesen Situationen umzugehen, was nicht heisst, dass sie nicht, auch für das Privat­leben, belastend sein können. Aber auch in diesen Momenten überwiegt rückblickend die Genugtuung, auf kompetente, hoch motivierte und zuverlässige Mitarbeiter zählen zu können.