Wo sind die Rehe geblieben?

Capreolus Capreolus

Immer wieder einmal hört man vor allem ältere Jäger schimpfen, dass es keine Rehe mehr gebe, weil die Förster alle totgeschossen hätten. Tatsächlich sieht man heutzutage in den meisten Gegenden deutlich weniger Rehe zu der früher üblichen Zeit abends am Waldrand, als das früher der Fall war.

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Rehe sind außerhalb des Waldes heute seltener zu sehen als früher (Bild: tina53/pixabay, PD)

Auf den ersten Blick sind die Schuldigen daran scheinbar leicht auszumachen: Schon seit Jahren werden im Staatsforst und im Großprivatwald Jahr für Jahr gewaltige Strecken an Rehwild gelegt. Ist die Sache also klar?

Allerdings hat sich hier ein kleiner Denkfehler eingeschlichen: Wenn es tatsächlich nur noch wenig Rehe gäbe, könnten nicht jedes Jahr erneut so große Strecken erzielt werden. In der Tat gibt es massenweise Rehe, obwohl man tatsächlich wenig davon sieht. Der Grund dafür liegt darin, dass sich unser Wald in den letzten Jahrzehnten massiv verändert hat – und keinesfalls zum Nachteil.

Bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde vor allem im Staatsforst konventioneller Waldbau betrieben. In einem so bewirtschafteten Forst findet das Rehwild zwar Einstände in den dort reichlich vorhandenen Fichtendickungen, aber nur wenig Äsung. Daher musste es regelmäßig zum Äsen auf Flächen ziehen, an denen es solche gab: Das waren dann vor allem junge Kulturen, wo es für ärgerlichen Verbiss sorgte, und natürlich an den Wald grenzende Wiesen, wo es dann auch von Jägern mit Feldrevieren erlegt werden konnte.

Heute finden sich in den Wäldern haufenweise sogenannte Wiebke- und Lothar-Flächen, das sind Flächen, auf denen durch die Stürme mit diesen Namen 1991 und 1999 die Bestände zerstört und nicht wieder in konventioneller Weise aufgeforstet wurden. Man machte dort gewissermaßen aus der Not eine Tugend und ließ, weil das Geld für die Aufforstung nicht vorhanden war, praktisch natürlichen Wald weitgehend von selbst aufwachsen.

Das klappte sehr gut und deswegen sind solche Flächen heute mit etwas bestanden, was sozusagen jungem Urwald entspricht. Genau wie der Unterwuchs in Althölzern, die mithilfe von Naturverjüngung zu naturnahen Waldflächen umgebaut werden, stellen diese teilweise fast undurchdringlichen Dickichte ein ideales Biotop für Rehwild dar. Es findet hier sowohl Äsung als auch Deckung und hat daher keinerlei Veranlassung solche Flächen zu verlassen und sich auf Freiflächen in Lebensgefahr zu begeben.

Der Ansitz an übersichtlichen Flächen, wie Lichtungen, Kulturen oder am Waldrand gelegenen Wiesen bleibt daher heute meist erfolglos, obwohl es dem Rehwild prächtig geht. Es gibt jede Menge Rehe, nur bleiben sie in der Regel unsichtbar. Hier sind nun neue Jagdmethoden gefragt, mit denen man das Rehwild auch heute noch erreicht.

Natürlich bringen klassische Drückjagden hier etwas, aber sie sind nicht die einzig mögliche Lösung. Im Sommer gibt es die Möglichkeit, an Wechseln anzusitzen; das funktioniert besonders gut im Mai, wenn die Einstände noch nicht verteilt und die jungen Böcke noch unterwegs sind. Natürlich kann man auch in der Blattzeit versuchen, Böcke auf Flächen zu locken, auf denen man sie schießen kann. Besonders erfolgversprechend aber ist der Ansitz am Trester und an Rapsäckern im Winter.

Das funktioniert umso besser, je weiter der Winter vorangeschritten ist. Denn je länger es Winter ist, umso weniger Äsung findet das Rehwild im Wald, da die Überbleibsel des letzten Sommers aufgebraucht werden und noch nichts Neues nachwächst. Entgegen dem alten Dogma, dass der Rehwildabschuss spätestens bis Weihnachten erledigt sein sollte, ist heute die beste Jagdzeit für Rehe der Januar, wenn der Hunger sie an den Trester und auf die Rapsäcker treibt.

Es hat sich auch bewährt, mit dem Trestern bereits sehr frühzeitig im Herbst zu beginnen. Bereits Ende September und Anfang Oktober kann man dann bereits das eine oder andere Reh an der Kirrung auf die Decke legen. Außerdem scheint es sich hier auch so zu verhalten wie mit der Winterfütterung von Vögeln: Hier wird bekanntlich empfohlen, das Futterhäuschen bereits zu beschicken, bevor sich Eis und Schnee eingestellt haben, damit die Vögel die Futterstelle schon kennen, wenn sie sie dann wirklich benötigen. Ähnlich kennen die Rehe beim frühzeitigen Trestern wohl die Tresterstellen bereits, wenn sie mit dem Fortschreiten des Winters der Mangel an Äsung aus den Dickichten treibt.
Volker Wollny